„Berliner Notizen“: Miterlebt: Die Mauer ist weg

Artikel, 05.11.2014
(c) Junge Union Deutschlands

Liebe Leserinnen, liebe Leser, 

ungläubiges Staunen, glückliche Gesichter, Freudentränen: Die überwältigende Stimmung am Brandenburger Tor ist unvergesslich. Die Freude über den Mauerfall am 9. November 1989 war im wahrsten Wortsinne grenzenlos - in Berlin und in ganz Deutschland. Der Historiker, so behauptete der Schriftsteller William Somerset Maugham, sei „ein Reporter, der überall dort nicht dabei war, wo etwas passiert ist.“ Also ist es von Vorteil, dass ich kein Historiker bin, sondern Zeitzeuge. Denn ich bin am Tag nach dem Mauerfall nach Berlin gereist, nachdem ich wenige Tage zuvor zum neuen Bundesvorsitzenden der Jungen Union gewählt worden war. Am 3. November waren die Delegierten des „Deutschlandtages“, der jährlichen Bundestagung der Jungen Union, mit Bundeskanzler Helmut Kohl durch Erlangen gezogen. Wir trugen dabei Kerzen als Zeichen unserer Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung in der DDR - ein Zeichen, das die Fernsehbilder der Abendnachrichten damals auch über die innerdeutsche Grenze trugen. 

Eine Woche danach, am 10. November, sprach Helmut Kohl vor der Berliner Gedächtniskirche zu zehntausenden Menschen aus Ost und West. Während ich neben ihm auf der Bühne stand, kamen mir viele Erinnerungen in den Sinn. Im Jahr 1958 waren meine Eltern aus Leipzig über Berlin in den Westen geflohen, wo sie ihr Weg schon bald nach Neuss führte. Die deutsche Teilung war auch für meine Kindheit prägend. Verwandtschaftsbesuche in Sachsen und im Vogtland waren mit Grenzkontrollen verbunden, die die Volkspolizei der DDR immer bewaffnet und mit Schäferhunden durchführte. Noch heute erinnere ich mich an die Angst, dass im Gepäck die geschmuggelte Medizin für meine Großmutter entdeckt würde. Und 1989 in Berlin dachte ich auch an viele Gedenkveranstaltungen der Jungen Union zurück. Oft waren wir vor 1989 am Jahrestag des Mauerbaus in Berlin über den Kurfürstendamm gezogen und hatten „Die Mauer muss weg!“ gerufen. Dabei hatte unsere eher kleine JU-Gruppe jedoch kaum Beachtung auf der trubeligen Prachtstraße gefunden und war oft sogar als „ewig gestrig“ angefeindet worden. 

Jetzt aber, im November 1989, war der Beton der Mauer durchbrochen. Natürlich ging auch ich zum Brandenburger Tor, wo zahllose Menschen aus Ost und West ausgelassen an und auf der Mauer feierten. Diese hatte ihren Schrecken über Nacht verloren. Die Menschen reichten sich über die Grenze hinweg die Hände. Der gemeinsame Ruf „Die Mauer muss weg!“ wandelte sich in „Die Mauer ist weg!“, denn deren Beton bröckelte immer weiter. Die „Mauerspechte“ mit ihren Vorschlaghämmern waren fleißig am Werk. Auch ich kletterte auf die Mauer, und mein „Mauerstück“ begleitet mich bis heute und liegt auf meinem Schreibtisch. Das Ende der Mauer direkt in Berlin mitzuerleben, war tief bewegend. „Herrlich!“, „Wunderbar!“, „Unglaublich!“: So fassten die Menschen ihre Gefühle zusammen, denn wir alle in Deutschland waren „einfach nur glücklich.“ 

Die Mauer, überwunden vom Mut der friedlichen Protestbewegung in der DDR, fiel vor 25 Jahren. Nach dem 9. November 1989 verging nicht einmal ein Jahr bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Nicht alles, aber sehr, sehr vieles haben wir seit dieser Zeit erreicht. Der „Aufbau Ost“ war umfassend erfolgreich, die neuen Bundesländer haben sich grundlegend gewandelt. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass wir auch die noch bestehenden Herausforderungen meistern werden. 

Der 9. November ist aber auch ein Tag, der die Brüche in der Geschichte unseres Landes in besonderer Weise spiegelt. Denn am 9. November erinnern wir uns auch im Rhein-Kreis Neuss an die Schande der antijüdischen Pogrome im Jahre 1938. Gerade angesichts der Schrecken der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges, dem die deutsche Teilung und das Unrechtsregime der DDR folgten, besteht Einigkeit darin: Der 9. November 1989 und der 3. Oktober 1990 sind die glücklichsten Tage der deutschen Zeitgeschichte, für die wir alle dankbar sein können. 

Es grüßt Sie herzlich aus Berlin 
Ihr 
Hermann Gröhe 

Mitglied des Deutschen Bundestages 
Bundesminister für Gesundheit 
www.hermann-groehe.de 

Freude über den Mauerfall: Das oben eingestellte Foto zeigt Heribert Scharrenbroich MdB, Elmar Brok MdEP, heute Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europaparlaments, und Hermann Gröhe (v. l. n. r.) am 10. November 1989 am Brandenburger Tor.