„Berliner Notizen“: Zwischen Kreuz und Presselounge

Artikel, 12.02.2015
Foto: CDU/CSU-Fraktion im Dt. Bundestag

In seinen aktuellen „Berliner Notizen“ aus dem Neusser „Stadt-Kurier“ wirft Hermann Gröhe einen Blick in den Sitzungssaal der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag auf der so genannten „Fraktionsebene“ unseres Parlaments und insbesondere auf das Kreuz, welches sich dort befindet.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Blick in die Sitzungssäle der Bundestagsfraktionen von Union und SPD zeigt Gemeinsamkeiten, aber natürlich auch Unterschiede. Helle Wände sowie schlichte Pulte, Stühle und Mikrofone in ruhigen weißen und grauen Farbtönen haben wir gemeinsam. Die sozialdemokratischen Kollegen versammeln sich aber vor dem farbenfrohen, gleichsam „dahinfließenden“ Gemälde „Der rot-weiße Karren“ (1988) von Hella Santarossa über die Geschichte der SPD, aus dem vor allem das Rot hervorsticht. Im Sitzungssaal der Union dagegen fällt vor allem das rostfarbene, ehrfurchtgebietende Kreuz in der Mitte einer Saalwand auf.

Als ich von Wolfgang Schäuble in seiner Zeit als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestags-fraktion gebeten wurde, mit ihm und anderen Kollegen das neue Kreuz für unseren Sitzungssaal auszusuchen, habe ich - damals Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland - gerne zugesagt. Das war nach dem Umzug der Bundesregierung und des Bundestages von Bonn nach Berlin. Denn zu diesem Zeitpunkt wurde das schlichte, kleine Holzkreuz unseres Fraktionssitzungssaals in Bonn durch ein neues Kunstwerk ersetzt. Das Kreuz aus der Bonner Zeit befindet sich heute im Besprechungszimmer des Vorstands unserer Bundestagsfraktion in einem der vier Ecktürme des Reichstagsgebäudes und damit noch immer auf der Fraktionsebene in der Nähe unseres großen Sitzungssaals.

Das Leben auf der Fraktionsebene ist oft hektisch. Denn hier, unter der Kuppel unseres Parlaments, befinden sich die Sitzungssäle aller Bundestagsfraktionen, viele Besprechungszimmer und eine ausgedehnte Presselounge. Das führt an vielen Tagen zu einem munteren Wettrennen der Medienvertreter nach „O-Tönen“ aus dem politischen Berlin. Presseberichte, in denen es „Wie aus Fraktionskreisen verlautete...“ heißt, entstehen hier ebenso wie Fernsehbilder kurzfristig anberaumter Pressekonferenzen. Hier ist für uns Politiker der Kontakt mit Presse und Rundfunk oft besonders eng. Nicht selten ist direkt vor der sich öffnenden Fahrstuhltür das Blitzlichtgewitter ausgebrochen, wenn man auf der Fraktionsebene eintrifft: Das ist eine Erfahrung, die man als Bundestagsabgeordneter wiederholt macht. Wenn Reporter Schulter an Schulter um den besten Platz für eine kurze Aussage zu aktuellen Themen rangeln, ist es gar nicht einfach, aus dem Fahrstuhl auszusteigen...

Der Kontakt mit den Medien ist immer wichtig. Ich gebe aber zu: Ich mag jenen Moment, wenn sich die Tür unseres Fraktionssitzungssaals neben der Presselounge schließt und wir als Abgeordnete der beiden Unionsparteien unter uns sind. Die Fraktionssitzungen zählen zu den wichtigsten Terminen für alle Mitglieder des Bundestages. Wenn wir Unionsabgeordneten uns versammeln, stelle ich immer fest: Ich blicke immer wieder  gerne zu dem großen Kreuz, das im Sitzungssaal hängt. Es ist ein beeindruckendes Kunstwerk. Dieses Kreuz ist schlicht gestaltet, aber die Nagelform seines Querbalkens verdeutlicht, dass die Kreuzigung eine besonders brutale Form der Hinrichtung war. Das Kreuz erinnert angesichts schrecklicher Nachrichten auch daran, dass in unseren Tagen Menschen in vielen Staaten wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt, gefoltert und ermordet werden.

Geschaffen wurde dieses Kreuz von dem Bildhauer Markus Daum, und natürlich ist ein Kreuz hier im Deutschen Bundestag mehr als ein Zeichen für die Einheit aller Christen. Die Unionsparteien gestalten Politik auf der Grundlage der christlichen Werte, und in der Präambel des Grundgesetzes ist die politische Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ festgehalten. Das wird auch in unserem Sitzungssaal deutlich. Zudem ruft uns das Kreuz in Erinnerung: Politische Macht ist immer begrenzt. Das Kreuz ist daher kein Schmuck oder eine Auszeichnung, die wir verdient hätten. Vielmehr sind wir auf das Kreuz angewiesen: Wir brauchen es, lebt doch auch die Politik von der Hoffnung auf Vergebung.

Das Kreuz ist für unsere gesamte Bundestagsfraktion zu einem treuen Wegbegleiter geworden - zumal dieses Kunstwerk auch viel Ruhe ausstrahlt. Die ist in der Politik unverzichtbar. Daher empfiehlt sich ein Blick auf das Kreuz nicht nur beim Betreten, sondern auch beim Verlassen des Sitzungssaals, wenn der Weg erneut vor die Kameras und Mikrofone in der Presselounge, zu einer hitzigen Ausschusssitzung oder direkt in den Plenarsaal führt.

Es grüßt Sie herzlich aus Berlin

Ihr

Hermann Gröhe

Mitglied des Deutschen Bundestages

Bundesminister für Gesundheit

www.hermann-groehe.de

(Erschienen im Neusser „Stadt-Kurier“ vom 11. Februar 2015)