Hermann Gröhe: "Gedanken eines Politikers zur Reformation: Aufbruch. Demokratie. Wirksamkeit des Wortes. Für uns alle"

Artikel, 12.10.2017
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Dreieinhalb Thesen zur Bedeutung der Reformation in der gegenwärtigen Zeit und für das 21. Jahrhundert lassen sich bestens entfalten, wenn man den Spuren der Reformation an ihrem Ursprung in Sachsen-Anhalt folgt.

Vor allem eignet sich nach meiner Erfahrung ein goldener Oktobertag, um durch Wittenberg zu spazieren. Wer einmal versucht hat, in der morgendlichen Stille des frühen Herbstes die ganze Erhabenheit insbesondere des historischen Stadtkerns der traditionsreichen Lutherstadt zu empfinden, der sehnt sich danach, in der Malerei begabt zu sein. Wir wollen annehmen, dass dichte Nebelschleier über den beiden Elbufern liegen und nach und nach zeichnen sich behutsam viele noch prachtvolle Baumkronen vor dem fahlen, aber lieblichen Licht der allmählich aufgegangenen Sonne ab. Das Fallobst auf den taufrischen Uferwiesen erinnert uns daran, dass wir bereits den Erntedankgottesdienst gefeiert haben. Der Reformationstag naht, gewiss sind wir an einem Sonntagmorgen unterwegs. Wir haben vom östlichen Ende der altehrwürdigen Collegienstraße aus mit ruhigem Schritt das Luthermuseum, das Melanchthonhaus, die Cranachhöfe und auch die Stadtkirche St. Marien passiert. Nachdem wir kurz vor den traditionsreichen Standbildern von Martin Luther und von Philipp Melanchthon auf dem historischen Rathaus- und Marktplatz stehengeblieben sind, haben wir unseren Weg durch die Schlossstraße fortgesetzt. Der Spaziergang wird dann auch bald an der Schlosskirche enden, die sich nicht allzu weit von dem eben gesehenen Rathaus- und Marktplatz entfernt erhebt. Die Kirchenpforte ist unser Ziel – und doch zieht zuerst ein mehr als 150 Jahre altes, besonders schönes Geschenk unseren wachen Blick auf sich. Das Thesenportal, das König Friedrich Wilhelm IV. der Stadt Wittenberg aus Anlass des 375. Geburtstages Martin Luthers im Jahre 1858 schenkte, lädt uns dank seiner bronzenen Buchstabenpracht dazu ein, dass wir uns die Zeit nehmen, an seiner Seitenmauer innezuhalten und unweit der heutigen Kirchenpforte über den Beginn eines ganzen Zeitalters nachzudenken.

Die hier dargestellten und eindrucksvoll verewigten 95 Thesen sind immer auch eine Aufforderung, das reformatorische Erbe (neu) zu bedenken. Die Begriffe Aufbruch – Demokratie – Wirksamkeit des Wortes sind es, die ich als politisch engagierter Christ dabei besonders betone – zumal diese für uns alle von wesentlicher Bedeutung waren, sind und bleiben werden.

 

Reformation bedeutet: Aufbruch.

Der christliche Glaube ist ein Geschenk – allein aus Gnade! Die Reformation hat diese Gewissheit neu betont und das Geschenk des christlichen Glaubens trägt und beflügelt auch heute Christinnen und Christen auf der ganzen Welt. Man wird mit Blick auf den 500. Jahrestag der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers zu Wittenberg auch festzustellen haben: Das Streben und die wesentlichen Botschaften der Reformation zu begreifen, ist heute so aktuell wie in der reformatorischen Zeit selbst. Zu erkennen, dass verkrustete Strukturen kritisch zu hinterfragen sind, nicht blind dem Zeitgeist zu folgen, den Aufbruch zu wagen, Widerspruch in einer Welt unterschiedlichster religiöser Überzeugungen anzunehmen und auszuhalten und vor allem wertgebundene Orientierung und verantwortete Freiheit zu vermitteln: Das alles sind Aufgaben, die für die gegenwärtige Zeit von zentraler Bedeutung sind und die sich durchaus mit mancher Herausforderung vergleichen lassen, welcher die Reformatoren sich gegenübersahen.

Die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum sind für uns als evangelische Christinnen und Christen eine zukunftsweisende Chance, für die wir dankbar sein sollten. Denn es wird uns guttun, wenn wir aufstehen und uns selbstbewusst zu den christlichen Werten bekennen, ohne unsere weltanschaulich plurale Welt als belastend oder als leidvoll zu empfinden. Das Erbe und die zeitlosen Wertvorstellungen des reformatorischen Aufbruchs vor 500 Jahren rufen uns zu gesellschaftlicher Verantwortung – auch und gerade in heutiger Zeit. Der Freiheitsgedanke, der in vielfacher Weise zu einer wesentlichen Voraussetzung des reformatorischen Denkens und Handelns wurde, bezieht sich immer auf verantwortete Freiheit – und diese mit selbstbewusster Offenheit und zugleich mit dem immer gebotenen Respekt vor anderen Wertvorstellungen zu bekennen, wird in unseren Tagen immer wichtiger. Wagen wir also diesen Aufbruch! Wagen wir ihn gemeinsam, indem wir für unseren Glauben und unsere evangelische Kirche einstehen, indem wir den offenen und respektvollen Gedankenaustausch mit Anderen suchen.

Martin Luther und die anderen Reformatoren sind aufgebrochen und haben uns als Christinnen und Christen damit eine zeitlose Haltung vorgelebt, die wir in einer weltanschaulich immer vielfältiger werdenden Welt heute neu beherzigen sollen: Voran, auf geht es!

 

Reformation bedeutet: Demokratie.

Die Demokratie ist die beste aller Staatsformen. Dies neu zu verdeutlichen, ist im 21. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Aufgaben für alle geworden, die für die Demokratie einzutreten entschlossen sind. Joachim Gauck, Bundespräsident und protestantischer Pastor, hat mit Blick auf die Frage „Wie soll es aussehen, unser Land?” und auf die Zukunft unserer gesamten Gesellschaft in einer seiner letzten Reden als Staatsoberhaupt klar betont: „Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten.” – Ja, das ist zutreffend.

Seitenblick: Im Gedenken an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren unerbittlich und mit unvorstellbarer Grausamkeit tobte, sollen wir Christinnen und Christen uns mahnend auch daran erinnern: „Gott mit uns” stand eingraviert auf dem Koppelschloss der deutschen Soldaten, die mit der Waffe in der Hand für das Deutsche Reich in den Krieg zogen – in festem Glauben an den deutschen Sieg, vor allem jedoch allzu oft verblendet und millionenfach ohne Wiederkehr.

Das so wechselvolle 20. Jahrhundert hat verdeutlicht: Politik, die „Ich hasse, was ich nicht verstehe” statt „Ich bin offen für das, was ich nicht kenne” sagt, die Vorurteile statt Respekt betont und die Mauern statt Brücken baut, führt am Ende dazu, dass sich Menschen mit Misstrauen statt Weitblick und dann mit der geballten Faust statt der offenen Hand gegenüberstehen.

Die Demokratie ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass sich die schrecklichen Fehler des 20. Jahrhunderts und vieler früherer Epochen nicht wiederholen. Wenn wir als Christinnen und Christen zu Freiheit und zu gesellschaftlicher Verantwortung berufen sind, sollten wir deshalb auch daran denken: Die Reformation ist ein fester Bestandteil der Vorgeschichte der deutschen Demokratie. Man denke daran, wie die Reformatoren etwa die Bedeutung der einzelnen Gemeinde betonten und dieser – synodal – zugleich stellvertretenden Charakter gegenüber der Kirche beimaßen. Man denke daran, wie Luther etwa die Bedeutung von Bildung für jedes einzelne Gemeinwesen hervorhob und damit eine Saat legte, die in späterer Zeit als allgemeine Schulpflicht voll erblühte. Man denke daran, wie die Reformation etwa ein kirchliches Leitungs- und Amtsverständnis entwickelte, das selbst die Ideen der Gewaltenteilung und generell der demokratischen Legitimation von Macht in weit späterer Zeit vorbereitete. Man denke daran, wie Luther eine strukturierte Armenversorgung in den Blick nahm und mit der „Leisniger Kastenordnung“ die älteste Sozialschrift des gesamten Protestantismus verfasste und umsetzte.

Der Blick auf mehrere historische Rechtsentwicklungen – etwa zum staatlichen Gewaltmonopol und zur repräsentativen Demokratie, zum staatlichen Bildungsauftrag und zur sozialen Fürsorge – verdeutlicht: Die Reformation und insbesondere das Denken Martin Luthers sind eine der nicht versiegenden Quellen, aus denen sich auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschlands speist. Zudem ist auch der Wert der Freiheit des Gewissens vor menschlichen Gesetzen in den Blick zu nehmen, wenn man die Reformation hinsichtlich ihrer zahlreichen Voraussetzungen für die Entwicklung der demokratischen Staatsform erforscht. Die Kraft aus der Erfahrung selbst todbringender Verfolgung und weitreichender Ausgrenzung reformierter Christinnen und Christen haben der rechtstheoretischen Grenzziehung zwischen dem Gewissen und jedem staatlichen Recht den Weg geebnet. Der Geltungsbereich des weltlichen Rechts umfasst nicht die Wertvorstellungen und nicht das Gewissen des Menschen: Das ist eine tiefe Erkenntnis, die rechtsgeschichtlich ebenfalls bis in das reformatorische Zeitalter zurückzuführen ist.

Ich glaube fest daran: Demokratie bedarf nicht zuletzt engagierter Christinnen und Christen aus allen Konfessionen, um lebendig zu sein und zu bleiben. Dabei lehrte vor allem uns als evangelische Christinnen und Christen schon die reformatorische Theologie zudem die Verschiedenheit von Person und Werk – und damit eine wesentliche Voraussetzung eines guten Gedankenaustauschs. Man kann in jeder Sache sogar streiten, ohne Kontrahentinnen und Kontrahenten wegen abweichender oder gegenteiliger Meinungen als Person herabzusetzen: Das ist eine Tugend, von der die demokratische Kultur seit jeher lebte und auch weiterhin leben wird und die in unserer heutigen Zeit neu zu betonen und neu zu pflegen ist.

 

Reformation bedeutet: Wirksamkeit des Wortes.

Was ich dabei für besonders wesentlich halte: Klarheit in der Sprache, Geduld in der Diskussion und die oft unterschätzte Bereitschaft, meinen Mitmenschen zuzuhören – insbesondere dann, wenn Meinungen voneinander abweichen.

Ein Blick auch auf die politische Streitkultur der gegenwärtigen Zeit: Tweets, die zahllosen Kommentare auf Twitter, einem der weltweit meistgenutzten so genannten ‚Sozialen Netzwerke’, umfassen nur 140 Zeichen – nicht mehr, oft weniger. Der Griff zum Smartphone ist heute, in unserer immer weiter digitalisierten Zeit, für viele Menschen auf der ganzen Welt längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden – Tag für Tag und beinahe rund um die Uhr. Das gilt auch in der Politik, auch in der Diskussion und auch bei uns in Deutschland – von der kommunalen Stadtratssitzung über die vielen Debatten in den Landtagen der sechzehn Bundesländer bis hin zu Plenardebatten und Ausschusssitzungen des Deutschen Bundestages. Blicke auf Bildschirme und Finger auf Tastaturen sind typisch für unseren Alltag – auch im politischen Tagesgeschehen.

Zuspitzungen kennzeichnen seit jeher die politische Diskussion, insbesondere in Wahlkampfzeiten. Vielfalt kennzeichnete die deutsche Parteienlandschaft bereits in den wechselvollen Jahren der Weimarer Republik und insbesondere das Wahlplakat und das Flugblatt entwickelten sich mit ihren bewusst knappen und oft streitbaren Botschaften zu unverzichtbaren Medien, die auch in allen Bundestagswahlen seit dem Jahr 1949 von entscheidender Bedeutung waren. Wir erleben seit einigen Jahren aber auch, dass Worte gerade in der Politik – gewollt oder ungewollt – besonders knapp bleiben und folglich keine Klarheit vermitteln, sondern in der digitalen Flut untergehen.

Wir sollten den Vergleich nicht scheuen: Martin Luther war in seiner Zeit ebenfalls das, was man seit den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts einen „Medienprofi” zu nennen pflegt. Das bezeugen seine wegweisende Bibelübersetzung und viele theologische Traktate mit Blick auf die Massenwirksamkeit der deutschen Sprache. Das bezeugt der Einsatz der noch jungen Kunst des Buchdrucks und vieler neuer Kirchenlieder mit Blick auf Medien, die Kopf und Herz eines jeden Menschen in reformatorischer Zeit noch in ganz anderer Weise als in allen folgenden Jahrhunderten erreichen konnten. Die Reformation war immer auch eine Bewegung des Wortes und der sprachlichen Klarheit. Wir erleben das noch heute in unseren evangelischen Gottesdiensten, die vor allem vom gebeteten, gepredigten oder gesungenen Wort leben. Gottesdienste der evangelischen Kirche sind wortreich und daher reich auch mit Blick auf die Chance ihrer Wirkung. Das Wort – zumal die frohe Botschaft, das Evangelium – vermag die Wirklichkeit zu verwandeln und Menschen zu mutigem Denken und zu aufrechtem Handeln zu bewegen. Das gute Wort findet in guten Taten seine Bestimmung – und nach meiner Erfahrung sind solche Worte heute wichtiger denn je. Das zeigt sich zum Beispiel in einer guten Predigt, in einem guten Vortrag, in einer guten Plenarrede im Deutschen Bundestag. Denn das hier gesprochene Wort wirkt zuerst allein als Wort – ohne bunte Power-Point-Folien und ohne Laserpointer mit Flipchart, ohne funkelnde LED-Videowand und ohne ‚Soziales Netzwerk’, dafür aber durch Klarheit und Ruhe im Vortrag. Wenn wir uns als Christinnen und Christen eine Zuspitzung erlauben: 1517 waren es einmal klare 95 Thesen, die die Welt bewegten. 2017 sind es allzu oft unklare 140 Zeichen, die die Welt verwirren. Ja, eine klare Sprache ist kennzeichnend für die Wirkung der reformatorischen Botschaft. Wir sollten gerade angesichts des Reformationsjubiläums selbstbewusst auch daran denken: Wir sind als evangelische Christinnen und Christen nicht sprachlos, uns fehlen nicht die Worte.

 

Reformation bedeutet für uns alle...

Ich schließe bewusst mit einer halben These, denn diese zu einer ganzen vierten zu vervollständigen, ist aus meiner Sicht Aufgabe aller, denen der christliche Glaube und das Erbe der Reformation mit Blick auf die Zukunft am Herzen liegen. Wenn man sich die 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 veröffentlichte, heutzutage durchliest, wird man leicht erkennen, dass ihn dabei zahlreiche Fragen trieben, die im Grunde nach wie vor von entscheidender Bedeutung sind: Wer von uns wird Verantwortung übernehmen – für sich selbst und für seine Mitmenschen? Wer von uns bringt den Mut auf, allzu einfachen Versprechungen entgegenzutreten? Wer von uns wird standhalten gegenüber falschen Verlockungen? Und vor allem: Wer von uns wird Haltung zeigen und diese im Widerstreit bewahren?

Die Botschaft der Reformation ist zeitlos – und wenn wir uns daran erinnern, dass Martin Luther von allen Christinnen und Christen erwartete, mit klarem Verstand und in wachem Geist verantwortlich zu handeln und sich in ihr Gemeinwesen einzubringen, dann wird klar: Das geschichtliche und soziale Erbe der Reformation und die damit verbundenen Werte neu mit Leben zu füllen und zukunftsweisend auszugestalten, ist eine Aufgabe, die uns alle betrifft.

Ich halte es heute für besonders wichtig, darüber eingehend nachzudenken – gegebenenfalls bei dem einleitend beschriebenen Spaziergang durch Wittenberg, was vom Geist der Reformation auch heute noch lebendig umweht ist. Wenn wir vom bronzenen Thesenportal auf die Kirchenpforte zugehen, sind wir auf den Gottesdienst bestens eingestimmt. Wir sehen bei der Predigt, wie sich die Predigerin oder der Prediger in die ehrfurchtgebietenden, steinernen Standbilder der bedeutendsten Reformatoren passgenau einreiht, sobald sie bzw. er die Kanzel betritt und durch das Wort der Predigt gleichsam als die aktuelle Reformatorin bzw. der aktuelle Reformator zu uns als Gemeinde spricht.

Gottesdienste sind in der Schlosskirche immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis – und ich empfehle gerne, sich danach die Zeit zu nehmen, um auf den Kirchturm zu steigen. Der Blick auf das herbstliche Umland ist herrlich in der nahenden Mittagszeit – und der dichte Nebel, der noch in den Morgenstunden über den beiden Elbufern lag, hat sich gewiss gelichtet.

 

(Erschienen in: Abmeier, Karlies (Hg.): „Politik im Zeichen der Reformation – Der lange Schatten von 1517“, Sankt Augustin / Berlin 2017, S. 96 - 99.)