Hermann Gröhe: "... und dennoch hindurch gehen" - Gedanken zu Sterbebegleitung und Lebensschutz im Spiegel des lutherischen Denkens

Artikel, 19.10.2017
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Martin Luther ist uns nahe.

Das gilt nicht nur für evangelische Christinnen und Christen oder aufgrund der Tatsache, dass wir im gegenwärtigen Jahr den 500. Jahrestag der Veröffentlichung seiner 95 Thesen zu Wittenberg und damit gleichsam "ein halbes Jahrtausend Reformation" feiern.

Wie unmittelbar manches Wort Martin Luthers noch heute aus der frühen Neuzeit zu uns herüberklingt, hinweg über mehrere Jahrhunderte, ist bemerkenswert. "Wir sind allesamt zum Tod gefordert, und keiner wird für den anderen sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen." - Das sind packende Worte, die Martin Luther im Jahre 1522 predigte, nachdem er von der Wartburg nach Wittenberg zurückgekehrt war.

Das zeigt: Nicht nur die Gewissheit, dass wir sterben werden, sondern auch die Frage, wie unser Leben enden wird, bewegte schon Martin Luther in einer Weise, die viele Menschen - auch ich - noch heute als bewegend empfinden.

Ein Blick in die heutige Zeit: Die so breite Debatte um Sterbebegleitung und Lebensschutz in den Jahren 2014 und 2015 hat am Ende zu verschiedenen grundlegenden Gesetzesmaßnahmen des Deutschen Bundestages geführt. Was ich im Zusammenhang mit den dabei aufgeworfenen Fragen und dem diesjährigen Reformationsjubiläum für wichtig halte: Martin Luthers Denken war auch mit Blick auf den Tod bzw. das Sterben prägend.

 

I.)

Was bedeuten Würde und Selbstbestimmung insbesondere am Lebensende bzw. im Sterben? Wie weit reichen in diesem Zusammenhang die staatlichen Schutzaufgaben? - Das sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Aber wichtig ist aus meiner Sicht eine grundsätzliche Erkenntnis, die der Soziologe Norbert Elias bereits vor 35 Jahren aufgeschrieben hat: "Es gibt in der Tat viele Schrecken, die das Sterben umgeben. Was Menschen tun können, um Menschen ein leichtes und friedliches Sterben zu ermöglichen, bleibt noch herauszufinden. Die Freundschaft der Überlebenden, das Gefühl der Sterbenden, dass sie ihnen nicht peinlich sind, gehört sicher dazu." - Das steht in den letzten Zeilen seines Buches "Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" aus dem Jahr 1982.

Sterbende wünschen sich und sollten von uns das Gefühl bekommen, dass wir ihnen beistehen - auch wenn uns oft die Worte fehlen mögen.

Wichtig ist: Heute setzen sich in Deutschland etwa 100.000 Menschen ehrenamtlich oder hauptamtlich in der Hospizarbeit und der Palliativversorgung ein. Ihnen allen gebührt besonderer Dank für ihr wertvolles Wirken. Viele von ihnen haben christliche Beweggründe für ihren tatkräftigen Einsatz, handeln wahrlich barmherzig und alle tragen zu der von Norbert Elias beschworenen "Freundschaft der Überlebenden" bei, dank derer Sterbende wieder in unsere Mitte geholt werden können. Das verdeutlicht: Politik kann vieles, aber allein kann sie nichts. Sie ist immer darauf angewiesen, dass Menschen gesetzliche Maßnahmen tatkräftig umsetzen, sie gleichsam "mit Leben füllen" - auch und gerade da, wo Mitmenschen krank und pflegebedürftig oder sogar so tief verzweifelt sind, dass sie im Leben keinen Sinn mehr sehen.

Der Wunsch, sich das Leben zu nehmen, entsteht niemals grundlos, sondern hat eine Vorgeschichte. Die Erfahrung zeigt: Gebrechlichkeit und Hilfebedürftigkeit sind dabei oftmals ein wesentlicher Bestandteil. Man geht weniger unter Menschen, wird unbeweglicher, die Hör- und die Sehfähigkeit lassen nach, Familienangehörige oder Freundinnen und Freunde leben weit entfernt oder sind schon nicht mehr am Leben: Vereinsamung bestimmt zunehmend den Alltag. Angebote der Pflege und der zusätzlichen Begleitung sind dann wichtig, damit Menschen weiterhin überzeugt "Ja" zum Leben sagen können.

Was zeigt nun der Blick in die Politik? Was haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren getan, um auch im Umgang mit Krankheit, Tod und Sterbewünschen Würde und Selbstbestimmung, Freiheit des Einzelnen und Schutzverantwortung des Staates in ein Verhältnis zu bringen, das der Werteordnung des Grundgesetzes entspricht?

Die umfassende Reform der Pflegeversicherung war in der gegenwärtigen Legislaturperiode in diesem Zusammenhang gut 20 Jahre nach ihrer Einführung besonders wichtig. Denn dadurch können Menschen sich darauf verlassen, dass sie und ihre Angehörigen nicht allein sind, sondern zuverlässig durch die Pflegeversicherung unterstützt werden. Die Leistungen in der Pflegeversicherung um rund fünf Milliarden Euro pro Jahr zu erhöhen, war dabei ebenso wesentlich wie die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Hilfe in Zukunft deutlich früher als bisher ansetzt. Endlich erhalten Demenzkranke einen gleichberechtigten Zugang zu allen Leistungen der Pflegeversicherung.

Zudem kann die wirksame Verbindung von guter Medizin, Pflege und Betreuung vielen Menschen Lebensmut auch bei zunehmender Pflegebedürftigkeit geben. Aber bisweilen sind die Möglichkeiten der Medizin ausgeschöpft, ein Mensch kann nicht mehr geheilt werden - und der Sterbeprozess nimmt seinen Lauf. Die Begleitung im Sterben, insbesondere die Linderung von Schmerzen, ist dann geboten, weshalb Verbesserungen in der Palliativ- und Hospizversorgung in der Debatte um Sterbebegleitung und Lebensschutz besonders bedeutsam waren.

Die "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland" gibt es in Deutschland seit dem Jahr 2010 und sie hat in den vergangenen Jahren immer stärker politisches Gehör gefunden - zu Recht.

Der Deutsche Bundestag hat im November 2015 mit überwältigender Mehrheit ein Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Dieses Gesetz soll dazu beitragen, dass allen schwerkranken und sterbenden Menschen ein Leben in Würde bis zuletzt ermöglicht wird - zu Hause oder im Krankenhaus, im Pflegeheim oder im Hospiz. Das Herzstück dieses wegweisenden Gesetzes: Menschen sollen neben bestmöglicher medizinischer Versorgung und pflegerischer Betreuung natürlich auch mitmenschliche Zuwendung und Nähe erfahren, um möglichst frei von Schmerzen und Ängsten ihren Abschied vom Leben nehmen zu können. Das Gesetz stärkt deshalb das Zusammenwirken zwischen professioneller und ehrenamtlicher Hilfe sowie von medizinischer und pflegerischer, hospizlicher und psychosozialer Begleitung in Netzwerken.

In ganz Deutschland, von Sylt bis zum Bodensee und vom Dreiländereck bei Aachen bis zum brandenburgischen Oderbruch, ein tragfähiges, verlässliches Netz zu knüpfen, das Sterbende in ihrer letzten Lebensphase auffängt, trägt und ihnen und ihren Angehörigen in schwierigster Lage Hilfe und Trost spendet: Das ist für unser Land eine besonders wichtige Aufgabe, bei deren Bewältigung noch viel zu tun ist. Es darf uns nicht ruhen lassen, wenn das, was heute in der Palliativmedizin möglich ist, längst noch nicht überall bekannt ist, vor allem längst noch nicht überall angeboten wird.

Die Palliativmedizin, die im Laufe der Jahre große Fortschritte gemacht hat, erweist sich immer wieder als ein Segen, um Menschen mit Blick auf ihre Angst vor starken Schmerzen oder Atemnot beizustehen - und daher ist die Palliativmedizin für den medizinischen Nachwuchs inzwischen zum Pflicht- und Prüfungsfach geworden. Zugleich gilt hier für Ärztinnen und Ärzte, die bereits im Berufsleben stehen, ein klarer Fortbildungsauftrag.

Mit Blick auf die Menschenwürde bis zuletzt ist zudem von entscheidender Bedeutung, dass der Wille der Patientinnen und Patienten gilt. In Deutschland ist die Selbstbestimmung auch im Sterben gewährleistet, kann jeder Mensch selbst darüber bestimmen, wie seine letzte Lebensphase aussehen soll und was sie oder er an medizinischer Behandlung erhält oder auch nicht erhält. Gespräche mit den Angehörigen und behandelnden Ärztinnen und Ärzten, Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten oder die so genannte gesundheitliche Vorausplanung bieten dafür viele Möglichkeiten. Gerade mit Blick auf die Patientenverfügung ist das Selbstbestimmungsrecht durch den Gesetzgeber ausdrücklich gestärkt worden.

Mit dem Patientenwillen ist es jedem Menschen in Deutschland möglich, lebensverlängernde Maßnahmen wirksam abzulehnen: Ärztinnen und Ärzte, die gegen den erklärten Patientenwillen eine Behandlung einleiten oder fortsetzen, machen sich der Körperverletzung schuldig, machen sich strafbar. Wichtig ist daher auch weitere Aufklärungsarbeit über die Möglichkeit, seinen Willen im Hinblick auf medizinische Behandlungen wirksam zu erklären (oder jemanden für den Fall der Fälle zu bevollmächtigen). Denn die genannten Möglichkeiten sind noch zu wenigen Menschen in Deutschland bekannt. Die Achtung des Selbstbestimmungsrechts jedes Einzelnen und der Lebensschutz sind gleichermaßen Verfassungsgebot und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wer sich selbst tötet, löscht die Möglichkeit zur Selbstbestimmung aus. Deshalb ist es mir fremd, wenn die Selbsttötung als Wahrnehmung von Freiheit verklärt wird. Allerdings halte ich es für richtig, dass bei uns die Selbsttötung und folglich auch ihr Versuch und einzelne Beihilfehandlungen nicht strafrechtlich verboten sind. Das Strafrecht schweigt zu Recht zu diesen Dramen. Von Einzelfällen der Selbsttötungsbeihilfe sind allerdings organisierte Angebote zur Selbsttötungshilfe zu unterscheiden, die diese gleichsam öffentlich als Behandlungsvariante anbieten und so den Lebensschutz insgesamt schwächen.

Zugleich können wir nicht die Augen davor verschließen, dass der Wunsch entstehen kann, sich das Leben zu nehmen. Mit Blick darauf ist das "Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland", das unter Mitwirkung des Bundesministeriums für Gesundheit in die Wege geleitet wurde und in dem seit Jahren viele Einrichtungen und Verbände versammelt sind, besonders wichtig. Denn hier wird gezielt eine Vielzahl von Rahmenbedingungen und Handlungsempfehlungen für wirkungsvolle Maßnahmen in den verschiedenen Bereichen erarbeitet, um Selbsttötungen möglichst zu verhindern.

Als eine wesentliche Herausforderung in der Debatte um Sterbebegleitung und Lebensschutz erwiesen sich allerdings Stimmen, die forderten, Ärztinnen und Ärzten unter bestimmten Bedingungen die Selbsttötungsbeihilfe zu gestatten. In diesem Zusammenhang war auch die vorangegangene gesellschaftliche Entwicklung nicht zu übersehen, dass manche Vereine sowie einzelne Ärztinnen und Ärzte auch in Deutschland immer unverfrorener Selbsttötungsbeihilfe gleichsam als Dienstleistung anboten - und diese geschäftsmäßige Ermöglichung der Selbsttötung wollten viele Bundestagsabgeordnete, auch ich, unter Strafe stellen.

So wurde nur einen Tag, nachdem der Deutsche Bundestag im November 2015 mit breiter Mehrheit wichtige Verbesserungen in der Palliativ- und Hospizversorgung beschlossen hatte, erneut mit parteiübergreifender Mehrheit die folgende Bestimmung in das Strafrecht eingeführt: "Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Zugleich wurde nach der Strafandrohung für die geschäftsmäßige, auf Wiederholung angelegte Selbsttötungshilfe im Gesetz auch  klargestellt: "Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht." Das Gesetz lässt offen, ob dieser Nahestehende im Einzelfall eventuell auch ein Arzt sein kann, etwa der langjährige Hausarzt eines Schwerstkranken. Ich will nach wie vor kein Sonderrecht für Ärztinnen und Ärzte - weder eine Sonderbefugnis zu töten oder Selbsttötungsbeihilfe zu leisten, noch ein Sonderstrafrecht. Dadurch dass sich die deutsche Ärzteschaft im Rahmen ihres Standesrechts klar gegen Selbsttötungsbeihilfe als ärztliche Aufgabe ausgesprochen hat, ist die Lebensschutzorientierung des Grundgesetzes auch in diesem Grenzbereich gewahrt. Und ich begrüße es, dass ein Antrag im Deutschen Bundestag keine Mehrheit fand, diese standesrechtliche Bindung durch eine ausdrückliche zivilrechtliche Genehmigung zur ärztlichen Selbsttötungsbeihilfe auszuhebeln. Wo Ärztinnen und Ärzte in extremen Einzelfällen und höchster Gewissensnot die standesrechtlichen Normen brechen, ist kluge Rechtsanwendung gefragt. Eine fragwürdige Rechtsaufweichung, die Normierung solcher Grenzfälle, würde am Ende ärztliche Selbsttötungshilfe wie eine Therapiealternative, wie den Normalfall erscheinen lassen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar - bis zuletzt. Die für diesen Grundsatz gesetzlich zu regelnden Fragen waren gleichwohl zahlreich und umfassend. Dazu eine weitere grundsätzliche Bemerkung: Vorwürfe mit Blick auf christliche Überzeugungen waren - leider - ebenfalls Bestandteil der Debatte insbesondere um die Selbsttötungsbeihilfe.

 

II.)

Ja, gerade in der Debatte um die geschäftsmäßige Ermöglichung der Selbsttötung habe ich es erlebt, dass Politikerinnen und Politikern, die ihren christlichen Glauben nicht verleugneten, vorgeworfen wurde, sie wollten gleichsam ihren Glauben mit dem Strafrecht durchsetzen. Der anklagende, scharfe Tonfall solcher Behauptungen war nicht angemessen - und auch nicht zutreffend.

Grundsätzlich ist denen, die sich mit solchen Angriffen in die Debatte um die Selbsttötungsbeihilfe einbrachten, zu entgegnen: Auch sie werden von ihren jeweiligen Überzeugungen geleitet und streben Anpassungen des Rechts nach eben diesen Überzeugungen an. Dass religiös begründete Überzeugungen zudem zwingend zu Befangenheit oder zu Bevormundung führten, während andere, als weltanschaulich "neutral" bezeichnete (oder wahrgenommene) Überzeugungen, duldsamer wären, ist ein Irrtum. Fast wirkte es, als wollten diejenigen, die sich gegen religiös begründete Wortmeldungen aussprachen, ausschließlich eine vollständig atheistische Einstellung zu Fragen der Sterbebegleitung und des Lebensschutzes zulassen.

Die Erkenntnistheorie lehrt gleichwohl, dass jede und jeder von uns seine Sichtweise hat - und das galt natürlich auch mit Blick auf die Debatte um die Selbsttötungsbeihilfe. Immanuel Kant bezeichnet jedes subjektive "Für wahr Halten" als Glauben - und zwar unabhängig vom Inhalt des jeweils Geglaubten. In diesem Sinne glauben auch diejenigen, die sich selbst z. B. als nicht gläubig bezeichnen und etwa in der Selbstbestimmung das höchste Lebensglück des Menschen sehen. Deshalb ist es wichtig, dass auch solche Überzeugungen in politische Streitgespräche eingebracht und angehört werden.

Ich bin dankbar zu wissen, dass unser Grundgesetz eine Werteordnung vorgibt, deren Vorgaben zum Lebensschutz meinen christlichen Überzeugungen entsprechen. Wenn dies anders wäre, strebte ich an, das zu ändern. So aber sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, mich dafür einzusetzen, die Werteordnung des Grundgesetzes und seine Lebensschutzorientierung zu bewahren bzw. zu verteidigen und sie konkret in der Politik umzusetzen.

In einer Demokratie entscheidet am Ende einer Debatte die Mehrheit - bei uns in Deutschland im Rahmen des Grundgesetzes. Die dann getroffenen Entscheidungen gelten für alle. Gerade deshalb ist es von wesentlicher Bedeutung, dass vor einer Entscheidung über so viele Überzeugungen wie möglich gesprochen wird und diese mit der gebotenen Sorgfalt gegeneinander abgewogen werden. Die Offenlegung der Beweggründe für die jeweilige Entscheidung, die gegenseitige Anerkennung und - nach Jürgen Habermas - die Hoffnung auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments sind eine wichtige Voraussetzung für Debatten in einer Demokratie. Natürlich ist dabei wesentlich, dass auch christliche bzw. religiöse Überzeugungen eingebracht und gehört werden.

Die Kirchen sind, ebenso wie andere Religionsgemeinschaften, daher ebenfalls aufgefordert, sich selbstbewusst in demokratischen Diskussionen zu Wort zu melden. Dabei ist klar: Die Werte, für die sie einstehen, zu vertreten und glaubhaft zu bezeugen, ist entscheidend. Die helfende Hand überzeugt dabei mehr als der erhobene Zeigefinger - und mit Blick auf Fragen zur Würde am Ende des Lebens sollte die helfende Hand immer mit einer von Herzen kommenden Hoffnung verbunden sein.

Gerade das Ringen um die verschiedenen Fragen der Sterbebegleitung hat aus meiner Sicht verdeutlicht: Menschen sind auf Hoffnung und Trost in einem Sinn angewiesen, den Politik bzw. der Staat nicht erfüllen kann.

Im Falle von Angst vor Schmerzen können der säkulare Staat und die Wissenschaft die palliativmedizinischen Möglichkeiten anbieten. Im Falle von Angst vor Einsamkeit am Lebensende und im Sterben sind gute Pflege und Betreuung und natürlich auch eine gut vernetzte, flächendeckende Hospizversorgung besonders wertvoll.

Gleichwohl treibt viele Menschen - natürlich - die Angst vor dem Tod um, die Angst vor der Auslöschung alles dessen, was ihnen im Leben wichtig war. An diesem Punkt sehe ich uns als Christinnen und Christen aufgerufen, allen Schrecken des Todes und allen Zweifeln zum Trotz unser Vertrauen darauf zu bekennen, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod, dass wir alle aufgehoben sind in Gottes Liebe, dass er uns nicht verloren gehen lässt. Diese Überzeugung auch in öffentliche Debatten einzubringen, ist wichtig, zumal klar ist, dass Menschen auch über die Bedeutung des Todes nachdenken und um dessen Bedeutung für ihr Leben ringen - und dies natürlich nicht erst in unseren Tagen.

 

III.)

Der Film "Eşkıya", in der Türkei vor etwas mehr als 20 Jahren ein großer Kinoerfolg, erzählt die Geschichte eines greisen türkischen Banditen mit ostanatolischen Wurzeln, der sich im Istanbul um die letzte Jahrhundertwende kaum zurechtfindet. Als dieser einem tödlich getroffenen, jungen Kleinkriminellen über den verfallenen Dächern der staubigen Millionenstadt beisteht, kommt es zu dem folgenden ergreifenden Wortwechsel, wobei der Junge fragt und der Alte antwortet: "Werde ich sterben? - Das werden wir alle."

Selbst wenn man "Eşkıya" nur ein einziges Mal gesehen hat, sind diese Worte auch über das Filmende hinaus packend - wegen der kargen Sprache und der darin verdeutlichten Endlichkeit des menschlichen Lebens, die hier, in einer unter freilich zahllosen filmischen bzw. künstlerischen Darstellungen, besonders klar eingefangen ist.

Der Tod als die letzte Gewissheit des menschlichen Lebens: Die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Der bereits genannte Norbert Elias hat zugleich darauf hingewiesen, dass die Verdrängung, ja die Entfernung des Todes und der Sterbenden aus dem Leben eine Entwicklung erst der modernen Gesellschaft ist.

Wenn wir auf die reformatorische Zeit blicken, wird deutlich: Die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Sterben war auch für Martin Luther von wesentlicher Bedeutung – lebenslang. Gedanken aus den Tischreden des großen Reformators selbst: "Ich sehe die Beispiele ungern, in denen man berichtet, dass man gern stirbt. Viel lieber sehe ich die, die vor dem Tod zagen, zittern, erblassen und dennoch hindurch gehen." Das ist sehr anschaulich und wirkt zugleich, auch wenn vom Tod die Rede ist, lebensnah.

Wir lesen in derselben Tischrede: "Auch Christus sagt: 'Dieser Kelch möge an mir vorübergehen!' Das alles geht in eine andere Richtung. Derselbe hat gesagt: 'Ich habe Tod und Leben in meiner Hand!‘'Wir aber sind es gewesen, die ihm den blutigen Schweiß abgejagt haben." Worte aus einer Zeit, in der zahllose Menschen Hoffnung im christlichen Glauben fanden, zugleich aber den Tod oftmals im wahrsten Wortsinne vor Augen hatten: Die Pest etwa wütete auch zu Luthers Zeiten mehrfach in Wittenberg.

Den Tod ernst nehmen? - Das Narrenschiff von Sebastian Brant war im Jahre 1494 erstmalig gedruckt und rasch zum meistgelesenen deutschsprachigen Buch in vorreformatorischer Zeit geworden. Der Totentanz ist darin zum Narrentanz geworden. Luther war jedoch daran gelegen, dass sich die Menschen ernsthaft mit ihrem Tod befassten, ihn und auch die damit verbundene Angst bedachten, ohne zugleich den Tod zu verklären. Der Reformator, selbst sechsfacher Familienvater, brachte einst die Kraft auf, von seiner mit nur 13 Jahren verstorbenen Tochter Magdalena zu schreiben, dass sie "wiedergeboren ist zum ewigen Reich Christi". Zugleich empfanden seine Familie und er angesichts ihres Todes natürlich tiefsten Schmerz. Luther trat dennoch entschieden dafür ein, dem Tod keinesfalls die größte Macht über das menschliche Leben zu geben. Die Rechtfertigung "allein aus Glauben" lehrte er auch mit Blick auf den Todesschrecken, den der klingende Ablasshandel zu seiner Zeit immer wieder bewusst verbreitete.

Wie auch der Tod, bestimmten Krankheit und Schmerz das menschliche Leben in der frühen Neuzeit viel umfassender als heute. Die erschreckend große Kindersterblichkeit zeigt dies ebenso wie unbehandelte Krankheiten, die heute zum Teil durch einfachste Behandlungen zu heilen oder zumindest zu lindern wären. Martin Luther wurde selbst von vielen Krankheiten geplagt - schwer und lange. Klagen über häufige Magen-Darm-Beschwerden finden sich in vielen seiner Briefe. Herzbeschwerden und Depressionen, Nierensteine und Gicht sind durch die Geschichtsschreibung belegt. Gleiches gilt für starkes Übergewicht mit zunehmenden Alter. Wahnvorstellungen sollen ihn ebenfalls geplagt haben - und dennoch: Luther versuchte erst gar nicht, Krankheit und Schmerz oder gar den Tod zu verdrängen. Er rief im Gegenteil dazu auf, sich bewusst auf den Tod vorzubereiten, auch und gerade mitten im Leben.

Wenn man von der Verheißung bzw. vom Glauben an die Wiederauferstehung absieht: Luther mahnte seine Mitmenschen in Predigten und in Briefen wiederholt, alle Streitigkeiten zu Lebzeiten beizulegen und sich vor dem Tod zu versöhnen. Das gilt auch für die Aufforderung, den gesamten eigenen Besitz zur Vermeidung von Erbstreitigkeiten ordentlich zu verteilen. Luther hielt es zudem für wichtig, auch Gedanken an eine Selbsttötung miteinander zu besprechen, und rief dazu auf, davon betroffenen Mitmenschen seelsorgerlich beizustehen. Ja, auch der Trost vor dem Tod nimmt also einen festen Platz im lutherischen Denken ein: Das war fortschrittlich!

Die Aufforderung, sich dem Tod bewusst zu stellen, und die damit verbundene lebensbejahende Haltung sind kennzeichnend für Martin Luther - und sie können auch in unserer Zeit hilfreich sein.

Der christliche Glaube ist eine stärkende Quelle der Zuversicht auch im Schmerz über den Tod eines uns nahen Menschen und der damit verbundenen tätigen Liebe und barmherzigen Zuwendung. Das zeigt sich in unserer Zeit am deutlichsten in der Hospizarbeit und der Palliativversorgung.

Die bereits genannte "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland" hat festgehalten: "Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen. Er muss darauf vertrauen können, dass er in seiner letzten Lebensphase mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Werten respektiert wird und dass Entscheidungen unter Achtung seines Willens getroffen werden. Familiäre und professionelle Hilfe sowie die ehrenamtliche Tätigkeit unterstützen dieses Anliegen." Das ist wahr und ich bin überzeugt davon, dass dieser Grundsatz allen helfen kann, die - wie Luther es beschrieb - vor dem Tod zagen, zittern, erblassen und dennoch hindurch gehen.

Die Botschaften der Reformation sind zeitlos, sie sind eine bleibende Verpflichtung. Was dabei grundlegende Fragen des menschlichen Lebensweges bis zum Ende betrifft: Martin Luthers Denken ist auch in der gedanklichen Auseinandersetzung um den Tod und um seine Bedeutung im täglichen Leben wegweisend - bis heute.

 

Hermann Gröhe

Bundesminister für Gesundheit

Mitglied des Deutschen Bundestages für Neuss, Dormagen, Grevenbroich und Rommerskirchen

Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

(Erschienen in: Rachel, Thomas / Meißner, Christian (Hgg.): "Bewusst evangelisch - Von der Gegenwartsbedeutung der Reformation", Berlin 2017, S. 237 - 246.)