Interview mit der B. Z.

Artikel, 13.05.2017

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über das erste G20-Gesundheitsministertreffen und die gemeinsame Bekämpfung weltweiter Gesundheitsgefahren.

B.Z.: Herr Gröhe, wie kommt Deutschland zum Thema Weltgesundheit?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Krankheiten kennen keine Grenzen. Um Krankheitsausbrüche, die eine weltweite Bedrohung werden können, schnell einzudämmen, müssen wir international noch besser werden. Beim G20-Gesundheitsministertreffen werden wir dazu eine Krisenübung durchführen. Ausgangslage ist der Ausbruch einer gefährlichen Krankheit, die sich über die Atemwege überträgt. Dass wir die globale Gesundheitspolitik auf die Tagesordnung der G20-Staaten gesetzt haben, ist ein starkes Zeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes.

Wie groß ist die Gefahr einer solchen Pandemie?

Das weltweite Reiseaufkommen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Von daher ist die Gefahr eher größer als kleiner geworden. Die letzte große Krise war der Ebola-Ausbruch 2014, bei dem in Westafrika 11 000 Menschen starben. Aber die nächste Herausforderung kommt bestimmt. Wir wissen nur nicht wo und wann und wie gefährlich das Virus sein wird. Deshalb ist es gut, jetzt für solche Fälle zu üben.

Was haben wir aus Ebola gelernt?

Dass wir auf allen Ebenen schneller reagieren müssen. Wir müssen Staaten – besonders arme und schwache – in die Lage versetzen, einen Krankheitsausbruch sehr viel schneller festzustellen, zu beobachten und Kontakte zu verfolgen. Und wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, ihnen umgehend Fachleute, Medikamente und Labore zur Verfügung zu stellen. 

Wie schließen wir aus, dass mit Flüchtlingen und Migranten auch Krankheiten einwandern?

Flüchtlinge, die zu uns kommen, erhalten eine Erstuntersuchung. Meldepflichtige Krankheiten von Windpocken bis Tuberkulose werden erfasst. Die Experten sind sich einig, dass es durch die Flüchtlinge nicht zu einem erhöhten Risiko für die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung gekommen ist.

Wie ist es um die Verfassung der Schutzsuchenden bestellt?

Die Ärzte berichten, dass es vor allem junge und gesunde Menschen sind, die zu uns geflüchtet sind. Wenn sie unter Krankheiten leiden, sind sie zumeist der Erschöpfung und der mangelnden Hygiene während der Flucht geschuldet. Oder es sind Krankheiten, denen wir durch Impfung, Hygiene und Behandlung gut begegnen können. Dass dies auch in den Monaten des vermehrten Zuzugs gelungen ist, haben wir den vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfern, Ärzten, und Pflegekräften zu verdanken, die diesen Kraftakt der Erstuntersuchung gemeistert haben – oft sogar in ihrer Freizeit.

Steigen wegen der Zuwanderung die Kassenbeiträge?

Ein Beitragsanstieg in der gesetzlichen Krankenversicherung ist durch den Flüchtlingszuzug weder erfolgt noch zu befürchten. Die Versorgung von Asylbewerbern erfolgt durch Steuermittel nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Es stellt alle notwendigen Behandlungen sicher. Anerkannte Asylbewerber erhalten die Leistungen, die auch gesetzlich Versicherte bekommen und müssen dafür Krankenkassenbeiträge bezahlen. Für diejenigen, die keine Arbeit finden, bekommen die Krankenkassen aus Steuermitteln denselben Betrag wie für andere Hartz-IV-Empfänger auch. Das sind aktuell 97 Euro pro Monat.

Deckt das die Kosten für die Kassen?

Der Betrag wird jetzt überprüft. Aus den gut gefüllten Finanzreserven haben wir eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, um hier abzufedern. Klar ist: Unser Ziel muss sein, dass möglichst viele Menschen schnell in Arbeit kommen. Denn Langzeitarbeitslosigkeit ist für alle sozialen Sicherungssysteme sehr teuer.

G20 beschäftigt sich außerdem mit den zunehmenden Antibiotikaresistenzen. Heißt?

Wenn Antibiotika zu oft und nicht zielgerichtet eingesetzt werden, passen sich die Bakterien an und die Wirksamkeit geht verloren. Dann können einfache Krankheiten oder Operationen plötzlich zu einem hohen Risiko werden, weil eine wichtige Waffe gegen gefährliche Erreger fehlt. Dem müssen wir auf allen Ebenen begegnen.

Wie?

Das beginnt beim Verschreibungsverhalten der Ärzte. 80 Prozent der Atemwegserkrankungen werden durch Viren verursacht. Oft werden Antibiotika eingesetzt - obwohl sie nicht gegen Viren, sondern nur gegen Bakterien helfen. Deshalb müssen wir in der Diagnose besser werden, um festzustellen: Braucht es überhaupt ein Antibiotikum, und wenn ja, welches? Patienten sollten sich hier auf ihren Arzt verlassen und auch die Einnahmehinweise genau beachten. Auch bei der Krankenhaushygiene müssen wir noch besser werden. Und global ist der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer in der Tiermast ein großes Problem. In der EU ist das nicht erlaubt. Das müssen wir weltweit durchsetzen.

Wie viele Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an Krankenhausinfektionen?

Experten schätzen, dass sich 400 - 600.000 Menschen bei einer medizinischen Behandlung mit einem Erreger anstecken. Davon ist ungefähr ein Drittel vermeidbar. 10 - 15.000 Menschen verlieren ihr Leben. Das kann uns nicht ruhen lassen! Deshalb unterstützen wir die Ausbildung und Einstellung von Hygienefachpersonal und Fachärzten mit rund einer halben Milliarde Euro. Das Meldewesen beim Auftreten bestimmter Keime wurde verbessert. Der entscheidende Schlüssel zur Ansteckungsvermeidung ist und bleibt aber die Handhygiene.

Insider beklagen, dass die Personaleinsparungen auf Kosten der Hygiene gehen.

Eine gute Personalausstattung ist ein wichtiger Bestandteil bei der Bekämpfung von Infektionen. Deshalb helfen wir den Krankenhäusern mit 830 Millionen pro Jahr dabei mehr Personal einzustellen. Ich sage aber auch ganz deutlich: Krankenhäuser, die an Hygiene sparen, handeln nicht nur rechtswidrig, sondern auch kurzsichtig. Die Händedesinfektion dauert 30 Sekunden. Hier kann kein Kosten-Argument vorgeschoben werden. Denn ein Krankenhauskeim kostet um ein Vielfaches mehr – ganz abgesehen vom menschlichen Leid.

Wie können sich ängstliche Patienten informieren?

Viele Krankenhäuser informieren in ihren Krankenhausberichten bereits darüber, was sie für eine gute Hygiene tun. Ab dem nächsten Jahr müssen das alle tun. So kann jeder Patient selbst entscheiden, wo er sich behandeln lassen möchte. Bei Problemen rate ich Patienten und ihren Angehörigen die Beschwerdestelle im Krankenhaus oder ihre Krankenkasse einzuschalten.

Wie oft sehen Sie Krankenhäuser von innen?

Ich habe in den letzten Jahren weit mehr als 100 Krankenhäuser besucht. Ebenso aufschlussreich ist die viele Post von Bürgerinnen und Bürgern. Oft wird beklagt, dass Diagnosen und Behandlungsschritte im Krankenhaus nicht ausreichend erklärt werden. Deswegen wollen wir schon in der Medizinerausbildung die Fähigkeit zum Gespräch mit Patienten und Angehörigen stärken.

Das Interview führte die Parlamentskorrespondentin Ulrike Ruppel