Interview mit der "Magdeburger Volksstimme"

Artikel, 16.06.2017
Foto: BMG / Jochen Zick (action press)

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen und die Pflegereform

Magdeburger Volksstimme: In Sachsen-Anhalt ist der die ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen ein drückendes Problem. Gerade hat ein Krankenhaus in Genthin geschlossen. Wie kann dem Mangel abgeholfen werden?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Entscheidend ist eine kluge Arbeitsteilung: Wenn es etwa nach einem Unfall oder einem Herzinfarkt schnell gehen muss, ist eine gut erreichbare Krankenhausversorgung wichtig. Deshalb gibt es einen Sicherstellungszuschlag für unverzichtbare Krankenhäuser. Bei planbaren Eingriffen sind dagegen Spezialisierung und Erfahrung, oft aber auch umfassende Hochleistungsmedizin gefragt. Beides – die wohnortnahe Versorgung und die Spezialisierung – unterstützen wir mit der Krankenhausreform. Außerdem haben wir zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, um junge Mediziner mit Vergütungsanreizen und Hilfen bei der Niederlassung auf dem Land zu unterstützen. Zudem wird die Weiterbildung zum Hausarzt besser vergütet und wir stärken die Allgemeinmedizin im Medizinstudium. Und natürlich geht es auch darum, den ländlichen Raum insgesamt so attraktiv zu machen, dass junge Ärzte gerne dort hinziehen.

Das wird in Sachsen-Anhalt seit Jahren versucht.

Ja, Sachsen-Anhalt ist mit seinen Stipendien für künftige Hausärzte und seinem Lehrprojekt „Klasse Allgemeinmedizin“ in Halle wegweisend. Mit dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ haben wir uns jetzt darauf verständigt, dass die Bundesländer künftig über eine „Landarztquote“ bei der Studienplatzvergabe gezielt Medizinstudenten auswählen können, die später auf dem Land arbeiten wollen.

Zu den wichtigsten Vorhaben im Gesundheitsbereich gehörte in dieser Legislaturperiode die Pflegereform. Was hat sie gebracht?

Pflegebedürftige und ihre Familien erhalten spürbar mehr Unterstützung. Die Hilfe setzt früher ein, z.B. wenn Hilfe im Haushalt oder eine altersgerechte Dusche benötigt wird. Dadurch erhalten mittelfristig rund 500.000 Menschen zusätzlich Unterstützung. Und die Unterstützung wächst an mit steigendem Bedarf. Durch unsere Verbesserungen erhalten auch die 1,6 Millionen Demenzkranken endlich gleichberechtigten Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung. Und in den Pflegeeinrichtungen sorgen wir für mehr Personal und eine Entlastung beim Eigenanteil. Insgesamt stärken wir die Pflege mit fünf Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Was mich besonders freut: In der Bevölkerung gab es große Zustimmung zu unserer Reform und auch zur moderate Anhebung der Pflegebeiträge, die dafür notwendig war.

Das umstrittene Gesetz zur Reform der Pflegeausbildung ist noch nicht unter Dach und Fach. Es wird in der kommenden Woche erneut im Bundestag beraten. Was steht drin?

Über die Pflegeausbildung wird seit mehr als zehn Jahren diskutiert. Uns geht es darum, die künftigen Pflegekräfte besser auf die veränderten Berufsanforderungen vorzubereiten. Eine Krankenschwester muss wissen, wie sie mit einem Demenzkranken umgeht, und ein Altenpfleger muss zunehmend auch Menschen mit chronischen oder mehreren Erkrankungen versorgen. Da macht es Sinn, dass alle Auszubildenden in der Pflege gewisse Ausbildungsteile gemeinsam ableisten. Der erzielte Kompromiss sieht nun so aus, dass sich die Auszubildenden entscheiden können, zwischen einem einheitlichen Abschluss zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann mit einer Vertiefung - etwa in der Alten-, Kranken oder Kinderkrankenpflege - und einem Abschluss als Alten- oder Kinderkrankenpfleger. Außerdem wollen wir, dass Schulgeld in der Altenpflege endlich überall abgeschafft wird. Es kann nicht sein, dass Auszubildende in einem Mangelberuf auch noch Geld bezahlen müssen.

Sie haben ihr Amt als Gesundheitsminister ausgeführt, ohne Konflikte über Gebühr in die Öffentlichkeit zu tragen. Warum diese Zurückhaltung?

Öffentliches Jammern löst keine Probleme. Wir haben in Deutschland eine sehr gute Gesundheitsversorgung. Meine Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Wir haben neue Herausforderungen durch den medizinischen Fortschritt und die demografische Entwicklung, deshalb werden immer wieder Anpassungen nötig sein. Dazu gehört, die Chancen, die Telemedizin für die Patienten bietet, besser zu nutzen und die Versorgung im Krankenhaus und in der Arztpraxis vor Ort besser zu verzahnen. Und wir müssen dafür sorgen, dass sich noch mehr Menschen für einen Gesundheitsberuf begeistern lassen, auch indem wir beispielsweise in der Pflege die Arbeitsbedingungen verbessern.

Das Interview führte Steffen Honig