Medizinstudium: Interview mit der "Badischen Zeitung"

Artikel, 31.03.2017
Foto: BMG / Jochen Zick (action press)

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zur Reform des Medizinstudiums

Badische Zeitung: Nach langen Beratungen liegt nun ein Konzept zur Reform des Medizinstudiums vor. Was steht in dem Plan?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Das Studium erhält mehr Praxisbezug, soziale Fähigkeiten werden stärker gewichtet und die Allgemeinmedizin wird ausgebaut. Außerdem haben wir uns auf Maßnahmen verständigt, um eine flächendeckende ärztliche Versorgung auch in Zukunft sicherzustellen. Und wir geben den Studierenden das Rüstzeug für lebenslanges Lernen, um die Fülle immer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über ihr Berufsleben hinweg in der Praxis einsetzen zu können.

Stichwort Praxis. Viele Arzte beklagen, dass sie während ihres Studiums kaum Kontakt zu Patienten hatten.

Und genau diesen Mangel wollen wir durch entsprechende Änderungen der Studienstruktur und Ausbildungsinhalte beheben. Dazu zählt, dass die Nachwuchsmediziner während des Praktischen Jahrs ein Quartal in einer ambulanten Praxis verbringen, zum Beispiel beim Hausarzt, beim Kinderarzt oder Gynäkologen - und sei es nur, damit sie sehen, wie jemand nach einer Krankenhaus-OP ambulant weiterversorgt wird.

Viele Studenten fürchten, dass der Masterplan das Studium überfrachtet.

Ich habe mit den Vertretern der Studierenden ausführlich gesprochen. Es ist verständlich, dass sie möglichst große Freiräume wollen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass die Studierenden durch ihr Studium bestmöglich auf das, was sie erwartet, vorbereitet werden. Da ist ein guter Interessenausgleich gelungen.

Welche Rolle spielt künftig die Abiturnote bei der Vergabe von Studienplätzen?

Sie wird weiterhin eine Rolle spielen. Künftig soll eine Universität im Zulassungsverfahren aber viel stärker berücksichtigen, wenn jemand etwa im Rettungsdienst engagiert war oder sich sozial oder in der Alten- und Krankenpflege engagiert.

Was soll das bewirken?

Wir wollen neben nachgewiesener schulischer Leistungsfähigkeit auch den Einsatz für andere und gute Gesprächsfähigkeit stärker gewichten. Denn wir wissen heute, wie stark etwa der Erfolg einer OP und die Heilungschancen davon abhängen, dass es vorher ein gutes, vertrauensvolles Gespräch zwischen Arzt und Patient gab. Wenn jemand eine schwere Bypass-OP am Herzen braucht, ist es wichtig für ihn zu erfahren, wie sein Leben danach aussieht - ob er weiter sein Hobby ausüben, Sport machen oder im Berufsleben stehen kann. Gute Medizin ist stets beides: Medizinisches Können und die persönliche Zuwendung zum Kranken. Es muss uns doch nachdenklich stimmen, dass viele Kranke die Informationen nicht verstehen, die sie beim Arzt oder im Krankenhaus bekommen.

Warum hapert es bisher in puncto Kommunikation?

Wir haben in Deutschland eine Tradition, die Fachlichkeit ganz stark in den Mittelpunkt zu rücken. Die ist auch sehr wichtig, gar keine Frage. Aber ein gelingendes Gespräch zwischen Arzt und Patient ist es auch. Der Masterplan zielt auf beides ab.

Braucht es mehr Medizinstudienplätze?

Ich begrüße es, dass Bundesländer wie etwa Bayern angekündigt haben, ihre Medizinstudienplätze zu erhöhen. Beim Masterplan geht es darum, das Studium auf die Herausforderungen der Zukunft auszurichten. Das kann auch Auswirkungen auf die Zahl der Studienplätze haben. Um diese Auswirkungen genau zu untersuchen, haben wir eine Expertenkommission eingesetzt, die innerhalb eines Jahres einen Bericht vorlegen wird. Damit haben wir eine belastbare Grundlage auch im Hinblick auf die künftig benötigten Studienplätze.

Was bringt die Landarztquote, die der Plan nennt?

Sie ermöglicht es den Ländern, einen bestimmten Teil der Studienplätze für junge Leute vorzuhalten, die später auf dem Land tätig werden wollen. Außerdem sollen Studierende besser über die Möglichkeiten informiert werden, ganze Ausbildungsabschnitte im ländlichen Raum abzuleisten und über die finanzielle Förderung, die es dafür gibt. Das ergänzt die Maßnahmen, die wir bereits auf den Weg gebracht haben: Etwa dass die Kassenärztlichen Vereinigungen mit Stipendien gezielt Anreize setzen können für eine Tätigkeit im ländlichen Raum.