Besser auf Seuchen vorbereiten - Eine Strategie für internationale Gesundheitssicherheit

Artikel, 04.07.2017
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Namensbeitrag von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Wer seine Bevölkerung wirksam schützen will, darf sich nicht abschotten, sondern muss international zusammenarbeiten. Dieser Grundsatz gilt auch für die Gesundheitspolitik. Denn Krankheiten kennen keine Grenzen. Am 7. und 8. Juli treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer auf Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Gipfel in Hamburg. Zum ersten Mal gehört Gesundheit zu den Schwerpunkten.

Wie wichtig dies ist, zeigen die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Örtlich begrenzte Gesundheitsprobleme können schnell zu regionalen und weltweiten Bedrohungen werden mit weitreichenden Folgen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Länder. Die Ebola-Krise vor mehr als zwei Jahren mit über 11 000 Toten, die Zikavirus-Epidemie in Südamerika und gefährliche Keime, gegen die Antibiotika wirkungslos geworden sind - das sind Mahnungen an die internationale Gemeinschaft. Die Welt ist nicht ausreichend auf internationale Gesundheitskrisen vorbereitet. Wir müssen gemeinsam besser werden.

Beim ersten Treffen der G -20-Gesundheitsminister im Mai in Berlin haben wir wichtige Schritte geschafft, um den Kampf gegen Gesundheitskrisen und die globale Bedrohung durch Antibiotika-Resistenzen kraftvoll voranzutreiben. Die G-20-Staaten haben sich zu einer weltweiten Verschreibungspflicht von Antibiotika bekannt und sich verpflichtet, bis 2018 mit der Umsetzung von Nationalen Aktionsplänen zu beginnen, um einen weiteren unsachgemäßen Antibiotika-Einsatz zu verhindern und die Forschung voranzutreiben. In einer Übung haben wir zudem gemeinsam den Ernstfall eines grenzüberschreitenden Krankheitsausbruchs und die damit verbundenen Informations- und Entscheidungswege geprobt. Wir sind uns einig: So wie die Feuerwehr den Brandfall probt, müssen wir auch für den Gesundheitsbereich regelmäßig Krisenübungen durchführen. Gleichzeitig brauchen wir eine starke Weltgesundheitsorganisation (WHO), der eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung der globalen Gesundheit zukommt. Dazu gehört auch eine bessere finanzielle Ausstattung durch höhere Mitgliedsbeiträge.

Deutschland hat seine Unterstützung für andere Länder bei Krankheitsausbrüchen mit dem globalen Gesundheitsprogramm deutlich ausgebaut und die Mittel für die globale Gesundheit auf mehr als 850 Millionen Euro pro Jahr gesteigert. Neben unseren Beiträgen für die WHO stärken wir mit dem Globalen Fonds die Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria und sorgen mit der globalen Impfallianz Gavi dafür, dass 300 Millionen Kinder weltweit eine überlebenswichtige Impfung erhalten. Der Großteil der deutschen Mittel dient der Unterstützung von Gesundheitswesen in Entwicklungsländern. Dies verdeutlicht: Globale Gesundheitspolitik ist zu einem Markenzeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes geworden. Diese Verantwortung wollen wir verstärkt wahrnehmen.

Wir brauchen dafür ein neues Konzept für eine starke globale Gesundheitspolitik, um den Veränderungen gerecht zu werden. Daher werde ich einen Beirat aus international anerkannten Gesundheitsexperten ins Leben rufen, um gemeinsam ein solches Konzept zu erarbeiten.

Dazu gehört auch eine Strategie für die internationale Gesundheitssicherheit. Wir verfügen in Deutschland über herausragende Fähigkeiten bei der Bekämpfung von Krankheiten - etwa mit dem Robert Koch-Institut in der Krankheitsüberwachung und -Vorbeugung, dem Paul-Ehrlich-Institut als forschendes Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für die Arzneimittelsicherheit, dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und weiteren wichtigen Forschungseinrichtungen. Dieses Wissen müssen wir bündeln und ausbauen. Wir müssen zugleich aber auch stärker als bisher ärmere Staaten bei der Entwicklung ihrer Gesundheitswesen unterstützen und in Krisensituationen vor Ort Hilfe leisten.

Auch die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen muss ausgebaut werden. Der in Deutschland vorhandene Erfahrungsschatz muss für die Verbesserung der globalen Gesundheit nutzbar gemacht werden. Ein gelungenes Beispiel ist der Austausch des World Health Summit, der auf eine Initiative der Charite zurückgeht und durch die Bundesregierung unterstützt wird. Ein solcher Austausch muss gestärkt und verstetigt werden. Deshalb werde ich Verantwortliche aus Wissenschaft, Forschung, Praxis und Politik zusammenbringen mit dem Ziel, Deutschland zu einem Standort für weitere Einrichtungen der globalen Gesundheitspolitik zu machen.

Deutschland hat mit den Vorsitzen in der G 7 und G 20 die globale Gesundheitspolitik auf die internationale Tagesordnung gesetzt. Das Verantwortungsbewusstsein und der Wille zur Gestaltung sind bei vielen meiner Kolleginnen und Kollegen in anderen Staaten hoch. Allen ist klar: Nur gemeinsam können wir Fortschritte in der globalen Gesundheit für alle erzielen. Diesen Augenblick müssen wir jetzt nutzen. Deutschland wird weiter Treiber und verlässlicher Partner sein.

(Erschienen in der 'F.A.Z.' vom 4. Juli 2017.)