Bei den Menschen bleiben – bis zuletzt!

Artikel, 05.12.2014

Gastbeitrag von Hermann Gröhe im Magazin der CDU Nordrhein-Westfalen

Menschenwürdiges Sterben – was verstehen wir, jeder Einzelne und die Gesellschaft, darunter? Was kann dazu beitragen, dass dies gelingt? Wie kann der Staat Leben wirksam schützen und zugleich das Selbstbestimmungsrecht achten? Diese Fragen treiben viele Menschen um – ganz persönlich, geprägt durch unterschiedliche Erfahrungen und Überzeugungen. Die Angst vor dem Sterben ist bei vielen Menschen geprägt von der Angst vor unerträglichen Schmerzen, vor einer als entwürdigend empfundenen Abhängigkeit von der Hilfe Anderer, vor der Einsamkeit in den letzten Tagen und Stunden.

Menschliche Zuwendung und gute pflegerische, medizinische und seelsorgerliche Hilfen sind daher das Wichtigste, was wir Schwerstkranken und Sterbenden schulden. Hilfe zu geben und Hilfe zu empfangen – beides gehört zu unserem Leben. Niemals sollten Menschen ihrem Leben ein Ende machen wollen, um Anderen nicht zur Last zu fallen! Deswegen ist mir als Gesundheitsminister der Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung ein Herzensanliegen. Viel ist in diesem Bereich in den letzten Jahren geschehen, auch dank eines eindrucksvollen Einsatzes Vieler in der Hospizbewegung. Aus- und Weiterbildung in der Palliativmedizin, eine Weiterentwicklung des Betäubungsmittelrechts und neue Behandlungsmethoden ermöglichen es heute, dass in den allermeisten Fällen – nicht wenige Experten sagen: nahezu immer – unerträglichen Schmerzen wirksam begegnet werden kann. Über diese Möglichkeiten muss besser informiert werden – und sie müssen überall zur Verfügung stehen! Moderne Schmerzmedizin kann bis zur „palliativen Sedierung“ gehen, darf im Rahmen der Schmerzlinderung auch das Risiko einer Lebensverkürzung in Kauf nehmen.

Gegen den Willen des Patienten dürfen keine lebensverlängernden Maßnahmen eingeleitet oder aufrechterhalten werden. Rechtsprechung und Gesetzgeber haben bei der Patientenverfügung das Selbstbestimmungsrecht nachdrücklich gestärkt.

Selbsttötung und damit auch individuelle Beihilfehandlungen sind zu Recht straffrei. Hier schweigt das Recht zu Lebensdramen. Als schwer erträglich empfinde ich es aber, wenn die Selbsttötung geradezu als Akt wahrer Freiheit verklärt wird. Rund 10.000 Selbsttötungen im Jahr sind uns richtigerweise Anlass, in zahlreichen Beratungs- und Hilfsangeboten um neuen Mut zum Leben zu ringen.

Wenn ich mich nun als Abgeordneter für die Strafbarkeit organisierter Selbsttötungshilfe einsetze, so geschieht dies, weil ich nicht will, dass solches Tun gleichsam zur öffentlich beworbenen Behandlungsvariante wird. Organisierte Selbsttötungshilfe mit der Absicht der Gewinnerzielung ist dabei besonders verwerflich.

Ich begrüße die Ablehnung des ärztlich assistierten Suizids durch die deutsche Ärzteschaft und entsprechende berufsrechtliche Vorgaben. Wer hier für eng umrissene Ausnahmen eine Öffnung verlangt, wird sich schon bald dem Ruf nach einer immer weiteren Zulässigkeit stellen müssen. Jung-Liberale Forderungen nach aktiver Sterbehilfe auch bei Kindern zeigen dies. Und der Hinweis, bei Dementen müsse die Bitte um Selbsttötungshilfe rechtzeitig, nämlich bei klarem Verstande, erfolgen, ist besonders bizarr. In der Logik des Rufs nach unbeschränkter Selbstbestimmung wird man solchen „Nachforderungen“ immer weniger entgegen setzen können. Deshalb halte ich die Forderung nach einer ausdrücklich zulässigen ärztlichen Selbsttötungshilfe auch in engen Grenzen für einen gefährlichen Irrweg.

(Gastbeitrag in: ‚Bei uns in NRW – Das Magzin der CDU Nordrhein-Westfalen‘, Ausgabe 03/2014, S. 21.)