Predigt: „Suchet der Stadt Bestes“

Artikel, 10.12.2014

Zum Abschluss der Gottesdienstreihe „Reformation und Politik“ der Gemeinde der Evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am 23. November, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, über einen alttestamentlichen Bibelvers gepredigt: „Suchet der Stadt Bestes“ heißt es im Buch des Propheten Jeremia (Kapitel 29, Verse 5 - 7).

Hermann Gröhes Predigt können Sie hier nachlesen.

Liebe Gemeinde!

„Suchet der Stadt Bestes“: So habe ich meine heutige Predigt überschrieben. „Suchet der Stadt Bestes“:  Das ist eine über 2.500 Jahre alte und doch fortwährend gültige Aufforderung  aus dem Buch des Propheten Jeremia.

Doch hören wir zunächst genauer hin. Jeremia schreibt im 29. Kapitel: „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Nehmt euch Frauen, und zeugt Söhne und Töchter. Nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären. Mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN. Denn wenn ihr’s  wohl geht, so geht's auch euch wohl.“ Soweit die Worte des Propheten Jeremia.

Liebe Gemeinde, wenn ich gefragt werde ‚Was treibt Dich als Christ in der Politik an?‘, dann weise ich gerne auf diesen Vers aus dem Buch des Propheten Jeremia hin. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Denn wenn ihr‘s wohl geht, so geht’s auch euch wohl“: So schreibt der Prophet in seinem Brief an das Volk Israel. Jeremia schreibt diese Worte an eine tief verunsicherte Gemeinde. Ein Gottesvolk, das sich im babylonischen Exil befindet. Dort wartet es auf Trost und wohl auch auf Rat. Gleichwohl mag die Aufforderung des Propheten Jeremia kaum zu glauben sein. Der Stadt, ausgerechnet dieser Stadt, Bestes suchen? Ausgerechnet hier in der Verbannung und in der Verzweiflung? Das klingt fast wie Hohn!

Die Aufforderung „Suchet der Stadt Bestes“ wird besonders anschaulich, wenn man die gesamte Bibelstelle, die ich gerade verlesen habe, betrachtet. Da ist vom Häuserbauen die Rede, vom Bewohnen und Bepflanzen der Gärten und Essen ihrer Früchte. Vom Heiraten und Kindergebären. Und dann folgt der Blick vom Einzelnen, von seinem privaten Umfeld auf  die Gemeinschaft insgesamt: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.“

Jeremia schreibt also nicht: Zieht euch zurück! Hofft, und wartet ab, ob bessere Zeiten kommen werden! Nein, Tatenlosigkeit und eine fromm anmutende Weltflucht kommen nicht in Frage. Jeremia ruft vielmehr dazu auf: Setzt Euch ein! Strebt an, was euch möglich ist! Lebt. Baut. Liebt. Und handelt verantwortlich. Ja, ich bin überzeugt davon: Unser Glaube motiviert uns zu solchem Tun für unser Gemeinwesen. Und er gibt uns dabei auch grundsätzliche ethische Leitlinien vor.

Wir können als Christinnen und Christen glaubwürdig die in Jesus Christus offenbar werdende Menschenfreundlichkeit Gottes nur bezeugen, wenn wir selbst das uns Mögliche für eine menschlichere Welt tun. Das ist eine starke Botschaft. Gestaltend in Stadt und Land mitzuwirken, sich einzubringen, „die Ärmel hochzukrempeln“, für das Land und für die Leute, das Gemeinwohl mitzugestalten: Das ist ein Auftrag, der beflügelnd wirkt. Und diesen Auftrag kann jede und jeder von uns ausführen, an ihrer oder seiner Stelle, mit ihrem oder seinem Auftrag. Und da geht es nicht um Ministerämter oder die ersten Reihen in Wirtschaft und Gesellschaft. Jeder ist gefragt, mit seiner jeweiligen Begabung, mit seiner ureigenen Leidenschaft dazu beizutragen.

Martin Luther, geradezu der Namensgeber dieser Predigtreihe zu „Reformation und Politik“, hat aus der hebräischen Sprache das Shalom als „der Stadt Bestes“ übersetzt. Shalom, dieser tiefe, dieser umfassende Begriff, der Frieden und Gerechtigkeit, aber auch Gemeinschaft heißen kann oder Wohlergehen. Luther war oft gewiss ein rastloser Mann, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Der Stadt Bestes zu suchen und verantwortlich für das Gemeinwohl zu handeln: Darauf verstand er sich. Und das brachte er und brachten auch die übrigen Reformatoren den Menschen ihrer Zeit nahe, mit Nachwirkungen bis in unser politisches Gemeinwesen heute.

Lassen Sie mich für diese Auswirkungen der Reformation drei Beispiele nennen.

Da ist das Thema Reformation und Bildung. Philipp Melanchthon befasste sich schon in seiner Antrittsvorlesung an der Wittenberger Universität mit diesen Fragen. Das war Anfang August 1518, also unmittelbar am Beginn der Reformation. Allein daran wird deutlich: Auch Bildungsfragen waren von Anfang besonders wichtig für die Reformation, ja sie wurde sogar zu einer Bildungsbewegung in unserem Land. Im Jahre 1526 hielt Melanchthon in Nürnberg schließlich eine Grundsatzrede über das „Lob der neuen Schule“. Hier findet sich eine der wichtigsten Aussagen zur Bedeutung von Bildung für das Gemeinwesen. Ich zitiere daraus: „Wer keine Mühe darauf verwendet, dass seine Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden, handelt nicht nur pflichtvergessen gegenüber Gott, sondern verbirgt hinter einem menschlichen Aussehen seine tierische Gesinnung. Daher besteht gerade in einer gut geordneten Bürgerschaft ein Bedarf an Schulen, in denen die Jugendlichen, die ja gewissermaßen die Pflanzschule der Bürgerschaft darstellen, ausgebildet werden können.“ Eine herrliche Formulierung: „Die Pflanzschule der Bürgerschaft“!

Damit bin ich bei einem zweiten Punkt: Dem Gedanken Reformation und Demokratie und Gewissensfreiheit Dieses schöne Bild von der „Pflanzschule der Bürgerschaft“ ist treffend und besonders schön. Es zeigt, dass ein Gemeinwesen angewiesen ist auf mündige, gebildete und kritische Bürgerinnen und Bürger. Die Reformation wies den Weg zur allgemeinen Schulpflicht. Sie schuf damit eine der wichtigsten Voraussetzungen für Chancen auf Teilhabe, wie wir sie heute als selbstverständlich empfinden. Zugleich gehört die Reformation zur Vorgeschichte der deutschen Demokratie. Johannes Calvin etwa prägte ein kirchliches Leitungs- und Amtsverständnis, das die Ideen von Machtteilung und Gewaltentrennung, von demokratischer Legitimation und Repräsentanz von Macht in den folgenden Jahrhunderten vorbereitete und grundlegte. Calvin betonte zugleich die Freiheit des Gewissens vor menschlichen Gesetzen. In der Zeit des frühen Calvinismus wurde dieses freiheitliche Denken noch einmal besonders deutlich gefasst durch die Erfahrung von Verfolgung und Ausgrenzung. Deshalb haben Juristen und Theologen dieser Schule die Grenze zwischen dem Gewissen und staatlichem Recht deutlich gezogen und betont, dass das weltliche Recht seinen Geltungsbereich eben nicht auf persönliche Überzeugungen des Menschen und nicht auf sein Gewissen ausdehnen kann und darf.

Und schließlich sei als letztes Beispiel genannt: Luthers Vorstellung von einer angemessenen Armenversorgung bereits in Wittenberg und im sächsischen Leisnig. Hier schuf er eine Art von Sozialkasse. Einzahlungen in diese städtische Kasse sollten aus dem Erlös von Klosterschließungen erfolgen sowie aus Testamenten und freiwilligen Gaben. Zehn Vorsteher aus der Stadt verwalteten diese Kasse. Diese wurde so für die Armenversorgung genutzt.

Luther entwickelte dabei die „Leisniger Kastenordnung“. Diese Ordnung ist gewissermaßen die älteste Sozialschrift des Protestantismus. Luther ließ sie im Jahre 1523 drucken und empfahl sie auch in anderen Städten - und dies mit Erfolg. Zugleich war für Luther stets wichtig: Bevor Geld aus dieser Kasse gezahlt wurde, sollten auch Bedürftige arbeiten und sich einbringen, soweit es ihnen möglich war. Hilfe sollte also stets Hilfe zur Selbsthilfe sein. Wirksam unterstützt wurde derjenige, der an seine Grenzen, die Grenzen seines eigenen Könnens, gestoßen war.

Grenzen. Auch das ist mir ein wichtiger Gedanke mit Blick auf unseren Vers „Suchet der Stadt Bestes“. Denn ich will noch einmal verdeutlichen, was Jeremia nicht schreibt: In dem Vers steht nichts vom Bau turmhoher Tempel aus kostbarem Marmor oder gar aus Gold. Da steht nichts von immergrünen Plantagen, die sich bis zum Horizont erstrecken. Die Rede ist von Häusern und von Gärten. Und ich finde die Bibelstelle deswegen auch besonders wertvoll, weil sie sich an uns und an unsere Möglichkeiten richtet.

Wir bewegen uns innerhalb von Grenzen, ja wir stoßen an Grenzen. Das ist eine Tatsache und auch eine Botschaft dieser biblischen Stelle. Diese Grenzerfahrung gibt es auch im politischen Gestalten immer wieder. Und ich gebe gerne zu: Das ärgert mitunter. Man will weiterkommen, nicht bei zu kleinen Kompromissen hängenbleiben und erfährt dann die Grenzen des Eigenen, dessen was uns möglich ist. Ja, wir wissen, dass uns nicht alles gelingen kann, wollen aber dennoch nicht aufgeben. Und ich glaube, uns kann das Vertrauen darauf, dass unser begrenztes Handeln aufgehoben ist in der Gnade Gottes, hier vor falscher Verzweiflung oder Selbstüberschätzung bewahren. Denn Selbstüberschätzung einerseits oder Ohnmachtsgefühle andererseits sind zwei ganz verschiedene Gefühlswelten, von denen wir uns nicht anfechten oder verleiten lassen dürfen. Deshalb empfinde ich die religiöse Beteuerungsformel im Amtseid auch eines Bundesministers  „So wahr mir Gott helfe“ als einen Trost und einen Hinweis darauf, dass wir in unseren begrenzten Möglichkeiten gefordert sind, das uns Mögliche zu tun. Was für ein Segen, sich selbst nicht überschätzen zu müssen, sich einzulassen auf die Gnade Gottes.

Liebe Gemeinde, Glaube und Politik, das sind für mich ganz sicher keine Gegensätze. Vielmehr ruft uns der christliche Glaube dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, politisch zu handeln. Wer sich als Christ politisch engagiert, der weiß: Ich soll mich einbringen. Nicht als Zwang, nicht weil  Werke uns vor Gott gerecht machen: Das haben wir durch die Reformation gelernt. Sondern weil uns die Schöpfung anvertraut ist, weil wir damit betraut worden sind, sie zu beackern, sie zu bebauen.

Kennzeichnend für das Christ-Sein ist also eine aktive Gestaltung unserer Umgebung - und das ist ja schließlich Politik. Denn politisch handeln nicht nur Bundestags- oder Landtagsabgeordnete oder diejenigen, die sich in Stadträten, Kreistagsfraktionen oder Bezirksvertretungen für das Gemeinwesen, für ihre Nachbarschaft, für ihre Umwelt einsetzen.

Politisch handeln vielmehr auch Klassensprecherinnen und -sprecher, Elternvertreterinnen und -vertreter, Betriebsräte, Mitglieder in Kultur-, Förder- und Sportvereinen, ehrenamtlich Engagierte in Stadtteilprojekten, in sozialen Einrichtungen und in Kirchengemeinden. Und diese Liste ließe sich weit, weit verlängern. „Suchet der Stadt Bestes“: Eine Bibelstelle, deren ganzer Wortlaut eben alle Lebensbereiche umfasst und die zugleich sehr anschaulich ist.

Natürlich, oft stellt sich die Frage: Worin besteht „der Stadt Bestes“? Und es gehört auch zum politischen Tagesgeschehen, dass genau um diese Fragen und Antworten darauf gerungen wird. Zur Politik gehören Spannungen und Konflikte. Auch das Ringen um Einfluss und Macht - und das nicht nur zwischen politisch unterschiedlichen Parteien und politischen Kontrahenten. Und nicht nur in den Fragen des politischen Alltags, sondern auch in ganz grundlegenden ethischen Herausforderungen ringen wir häufig um den rechten Weg. Wie den Frieden bewahren? Welche Rolle spielen dabei militärische Mittel? Wie eine menschenwürdige Begleitung Schwerstkranker und Sterbender ermöglichen? Was ist Aufgabe des Rechts, und wo endet die Aufgabe des Rechts in einer so individuellen Situation?

Darauf geben auch Christinnen und Christen unterschiedliche Antworten. Und das wird auch so bleiben, denn wir sind mit Verstand und eigenem Kopf ausgestattet und von Gott nicht gleichgeschaltet worden. Auch unter Christinnen und Christen wird es daher immer wieder Meinungsverschiedenheiten geben - selbst da, wo viele sich nach Eindeutigkeiten sehnen.

Wenn ich in diesen Tagen an ganz unterschiedliche Stellungnahmen auch aus dem Bereich der Kirchen zur Frage der Zulässigkeit von Waffenlieferungen an Kurden im Irak oder in Syrien denke: Das ist mitunter schwer, auch in einer Kirche, solche Meinungsverschiedenheiten in ganz grundsätzlichen Fragen auszuhalten. Und dann ist uns immer wieder aufgegeben zu sehen, ob wir auch in solchen Meinungsverschiedenheiten Gemeinsamkeiten entdecken und angemessene Kompromisse finden können. Ja, faire Kompromisse, denen nichts Fragwürdiges anhaftet. Mir liegt mitunter daran, in kirchlichen Kreisen auch etwas zur Ehrenrettung fairer Kompromisse zu sagen. Denn in der Politik geht es immer wieder auch darum, unterschiedliche Positionen und unterschiedliche Interessen zu einem fairen Ausgleich, der dem Gemeinwohl dient, zu führen.

Was uns Christen bei allen Meinungsverschiedenheiten aber einen sollte, ist der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, dass jeder Mensch die gleiche unantastbare Würde hat, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Religion oder politischer Überzeugung.

Deshalb empfinde ich bei allen Auseinandersetzungen auch im politischen Tagesgeschehen immer wieder, dass es diese uns einende Überzeugung gibt, die verbindet und auch trägt. Wie schwierig die Diskussionen im Parlament, in der Synode oder an anderen Orten auch sein mögen: Dieser Glaube rüstet dazu aus, die politischen Wertvorstellungen und Ideen des anderen anzuerkennen, aufeinander zuzugehen und sich die Hand zu reichen - im eigenen Lager oder über Parteigrenzen hinweg.

Gestern hat man bei einer hitzigen Debatte noch leidenschaftlich um einen umstrittenen Gesetzentwurf gerungen. Heute aber sitzt man gemeinsam in der Morgenandacht im Andachtsraum im Reichstagsgebäude. Geht das? Ja, das geht. Gott sei Dank! Und so können Christinnen und Christen auch in all ihren unterschiedlichen Auffassungen einen Beitrag für eine gute Streitkultur leisten, auf die eine Demokratie dringend angewiesen ist.

Was also treibt mich in der Politik an? Die Gnade Gottes, auf der mein Leben fußt. Das Bewusstsein für verantwortliches Handeln. Und das Wissen, dass wir von Gott, dem Schöpfer unserer Welt, beauftragt sind, das Beste der Stadt zu suchen.

Amen.