Herausforderung Demenz

Artikel, 11.12.2014
Foto: BAFzA / Jennerich

Gedanken zu einem besonders wichtigen Thema: In seinen aktuellen „Berliner Notizen“, die im Neusser „Stadt-Kurier“ erschienen sind, befasst sich Hermann Gröhe mit der Situation demenziell erkrankter Menschen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Demenz als Thema eines humorvollen Films? Wie soll das gehen? Das habe ich mich gefragt, als ich von Til Schweigers neuem Film erfahren habe. ‚Honig im Kopf‘ berichtet teils humorvoll, teils beklemmend von der elfjährigen Tilda, die ihrem dementen Großvater hilft, seinen Traum von einer Reise nach Venedig zu verwirklichen.

Ich finde es gut, dass ein Star des deutschen Kinos einen filmischen Beitrag zu diesem Thema leistet. Familien stehen vor schwierigen Fragen, wenn ein Mitglied an Demenz erkrankt. Pflege und Betreuung dementer Mitmenschen erfordern Umsicht und bringen viele Herausforderungen mit sich. Die Medizin sucht noch immer nach Antworten auf viele Fragen zu dieser Krankheit. Zudem wird sich jede und jeder von uns schon einmal gefragt haben, wie der eigene Alltag in hohem Alter aussehen mag. Demenz geht uns alle an.

Gute Nachrichten sind in diesem Zusammenhang sehr erfreulich. In Neuss ist der Grundstein dafür gelegt, dass wir hoffentlich neue, wichtige Kenntnisse in der Demenzforschung gewinnen werden. Das ‚Memory-Zentrum‘ der St. Augustinus-Kliniken zur Betreuung demenziell erkrankter Menschen und zur weiteren Forschung wird 2015 seine Pforten öffnen. Man wird hier in der Betreuung Demenzkranker und bei der Einbeziehung Familienangehöriger in den gemeinsamen Alltag „neue Wege gehen“, wie die Leitung des ‚Memory-Zentrums‘ betont hat. Das ‚Memory-Zentrum‘ wird Hilfen von der Diagnose bis zur palliativen Versorgung sowie stationäre und ambulante Betreuung anbieten.

Zugleich bin ich froh darüber, dass im Arbeitskreis Demenz des Rhein-Kreises Neuss viele Kräfte gebündelt werden. Die Alzheimer Gesellschaft, das Team der Beratungs- und Koordinationsstelle (BEKO) in Neuss, die Wohlfahrtsverbände, stationäre und ambulante Einrichtungen, Arztpraxen, das Demenz-Service-Zentrum für die Region Düsseldorf und viele ehrenamtlich Engagierte leisten hier hervorragende Arbeit. Herzlichen Dank dafür! - Mit Blick auf den Auf- und Ausbau der Demenz-Hilfe im Rhein-Kreis denke ich noch heute an viele Begegnungen mit Paul Hermkes zurück. Dieser war stets ein hartnäckiger Mahner in allen Fragen zu verbesserten Hilfen für Demenzkranke, und als Vorsitzender der ‚Neusser Alzheimer Gesellschaft‘ war er zugleich Wegbereiter für neue Initiativen.

Viele Menschen sind an Demenz erkrankt: 6.000 im Rhein-Kreis Neuss, 300.000 in Nordrhein-Westfalen, 1,5 Millionen in Deutschland. Wichtig ist vor allem, Demenzkranke und ihre Familien nicht allein zu lassen. Das erste der beiden Pflegestärkungsgesetze wird die Unterstützung demenziell erkrankter Menschen bereits zum kommenden Jahr spürbar verbessern. Und vor wenigen Wochen hat mich ein Termin besonders gefreut: Die Gestaltungspartner der „Allianz für Menschen mit Demenz“ haben am 15. September in Berlin das Startsignal für die Umsetzung der Ergebnisse aus ihrer zweijährigen Arbeitsphase gegeben. Unter dem Vorsitz des Bundesgesundheitsministeriums, des Bundesfamilienministeriums und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist eine bundesweite Demenzstrategie erarbeitet worden. Die an der Allianz Beteiligten verpflichten sich, auf die Belange demenziell Erkrankter besondere Rücksicht zu nehmen. Das wird nicht nur in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern gelten, sondern z. B. auch mit Blick auf Behördengänge oder die Gestaltung von Innenstädten und für andere Alltagsbereiche. Die Teilhabe und die weitestmögliche Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz stehen im Mittelpunkt der Maßnahmen der Allianz.

Demenz ist zugleich noch immer ein weithin tabuisiertes Thema. Die Scheu, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen, ist groß. Ich hoffe deshalb, dass die „Allianz für Menschen mit Demenz“ auch zu einer breiten gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann. ‚Honig im Kopf‘ wird übrigens ab Weihnachten 2014 im Kino zu sehen sein.

Es grüßt Sie herzlich aus Berlin
Ihr
Hermann Gröhe

Mitglied des Deutschen Bundestages
Bundesminister für Gesundheit
www.hermann-groehe.de