Digitalisierung braucht Ergebnisse – jetzt!

Artikel, 13.01.2015
Foto: Bundesministerium für Gesundheit

von Hermann Gröhe (Gastbeitrag in der F. A. Z.)

Seit dem 1. Januar hat die elektronische Gesundheitskarte endgültig die alte Versichertenkarte abgelöst. Vorerst ist sie wie ein Sportwagen, der in der Garage auf seinen Einsatz lauert. Wir brauchen endlich Datenautobahnen, damit die elektronische Gesundheitskarte zeigen kann, was in ihr steckt. Sie ist ein wichtiger Fortschritt auf dem Weg ins digitale Zeitalter des Gesundheitswesens. Sie bringt etwas voran, was wir dringend brauchen, aber noch viel zu wenig haben: Vernetzung! Es ist paradox: Fast alle Praxen und Krankenhäuser nutzen digitale Daten auf hohem Niveau. Aber beim Transfer dieser Daten stecken wir vielfach noch im analogen Zeitalter. Die Digitalisierung muss und wird kommen. Wenn wir sie jetzt nicht entschlossen anpacken, werden wir später der Entwicklung hinterherlaufen. Jetzt weiter Zeit verlieren ist ein kostspieliges Unterfangen und schadet allen - in jeder Hinsicht.

Digitale Vernetzung bedeutet nicht nur schnellere Kommunikation und höhere wirtschaftliche Effizienz, für die sich allenfalls technikaffine Nerds oder kostenfixierte Manager interessieren. Es geht um handfesten medizinischen Nutzen. Ein Beispiel für das Potential der Gesundheitskarte, das heute noch brach liegt und wir nun endlich erschließen wollen: Mit elektronischen, jederzeit abrufbaren Notfalldaten stehen dem Arzt wichtige Informationen künftig sofort zur Verfügung. Das kann Leben retten! Aber nicht nur in Notfällen brauchen wir mehr Vernetzung: In Deutschland sterben leider immer noch mehr Menschen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen als im Straßenverkehr. Eine digitale Übersicht über die verschriebenen Arzneimittel kann hier vor allem für ältere und allein lebende Menschen ein echter Fortschritt sein.

Wir beginnen gerade erst, die Chancen des digitalen Zeitalters im Gesundheitsbereich zu nutzen. Ich will hier mehr Tempo. Jahrelang ist die elektronische Gesundheitskarte von vielen Seiten blockiert und verzögert worden. Es ist unsinnig, sich der Digitalisierung im Gesundheitswesen entgegenzustemmen. Besser ist es daher, diesen Prozess konstruktiv - wo notwendig, auch kritisch - zu gestalten. Das erwarte ich von den Kassen, Ärzten, Krankenhäusern, der gesamten Selbstverwaltung. Und die Industrie muss ihre Versprechen einhalten und den Fortschritt der elektronischen Gesundheitskarte mit aller Kraft unterstützen.

Ich habe kein Verständnis dafür, dass wieder Blockierer auf den Plan treten und diesen großen Fortschritt ins digitale Zeitalter des Gesundheitswesens mit fadenscheinigen Argumenten aufhalten wollen. Es ist falsch, dass es nicht genug Datenschutz gebe. Das Gegenteil ist der Fall. Der Aufbau der Telematikinfrastruktur erfüllt die höchsten Sicherheitsstandards: Es gibt klare Zugriffsrechte, der Zugriff der Ärzte auf Daten wird protokolliert, Krankenkassen sind zur Information verpflichtet. Medizinische Daten werden doppelt verschlüsselt, der Patient kann auch Daten löschen lassen- und es drohen strafrechtliche Konsequenzen für unberechtigte Zugriffe. Vor allem aber bleibt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient unangetastet. Für mich gilt: Wirksamer Datenschutz ist im Gesundheitswesen auch im digitalen Zeitalter von herausragender Bedeutung. Denn es gibt kaum sensiblere Daten als Patientendaten.

Digitale Vernetzung ist ein Motor für den medizinischen Fortschritt. Es ist faszinierend, was durch Telemedizin möglich wird, zum Beispiel bei einem Schlaganfall: Wenn ein Schlaganfallexperte noch in der Notaufnahme sofort über eine Videokonferenz für die Behandlung zugeschaltet wird und direkt überspielte Computertomographie-Bilder des Patienten innerhalb weniger Sekunden zur Verfügung stehen, so dass der Experte zusammen mit dem Arzt vor Ort dem Patienten schnell und wirksam helfen kann. So überwindet Telemedizin räumliche Barrieren. Gerade für den ländlichen Raum wird das in Zukunft von größter Bedeutung sein.

Vernetzung, Telemedizin, neue Therapien und Datenschutz - das ist die digitale Revolution im Gesundheitswesen. Wer sich diesem Schritt aus Eigennutz verweigert, schadet dem Gemeinwohl. Darum enthält das "E-Health-Gesetz", das wir jetzt auf den Weg bringen, auch einen einfachen Grundsatz: Wer blockiert, zahlt. Die zentralen Akteure der Selbstverwaltung - insbesondere die Kassenärztlichen Bundesvereinigungen und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen - erhalten Fristen, zu denen sie festgelegte Ergebnisse erreichen müssen. Wird nicht geliefert, müssen sie finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen. Nur so können wir Tempo aufnehmen. Gleichwohl: Es geht nicht darum, was technisch machbar ist. Sondern es geht darum, dass wir alle technischen Möglichkeiten nutzen, damit der medizinische Fortschritt allen Patienten wirklich zugutekommt.

(Erschienen in der F. A. Z. vom 13. Januar 2015.)