"Berliner Notizen": Wenn Freunde zu Verwandten werden

Artikel, 07.02.2018
Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bei der Unterzeichnung des "Élysée-Vertrages" am 22. Januar 1963. (Foto: Bundesregierung / Schwahn)

In seiner Kolumne im Neusser "Stadt-Kurier" blickt Hermann Gröhe noch einmal auf die Feierlichkeiten zum 55. Jahrestag des "Élysée-Vertrages" in Deutschland und in Frankreich zurück.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was verbindet Menschen enger als eine jahrzehntelang bestehende, gute Freundschaft? Ja, genau: Eine daraus sich entwickelnde Verwandtschaft! Deshalb ist mir von den Feierlichkeiten zum 55-jährigen Bestehen der deutsch-französischen Freundschaft vor allem ein kluger Satz von François de Rugy, dem französischen Parlamentspräsidenten, in Erinnerung geblieben. "Unsere beiden Länder sind eine Familie": Das hat unser französischer Staatsgast betont, als er am 22. Januar vor dem Deutschen Bundestag in Berlin sprach - übrigens auf Deutsch.

Genauso wichtig war die Botschaft, die Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wenige Stunden danach vor der französischen Nationalversammlung in Paris aussprach - übrigens auf Französisch: Die deutsch-französische Freundschaft ist ein "Geschenk der Geschichte".

Dieses Geschenk ist besonders schön und wertvoll, zugleich aber keineswegs selbstverständlich. Vielmehr bedurfte es nach den grauenvollen Erfahrungen der beiden Weltkriege zweier großer Staatsmänner, um dieses einmalige Geschenk Wirklichkeit werden zu lassen. Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichneten am 22. Januar 1963 den "Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit", der erst durch ihre behutsamen Annäherungen und Gespräche der vorangegangenen Jahre möglich geworden war und entscheidend für die weitere Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland blieb. Vergangene Zeiten, aber unvergessliche, wegweisende Momente! Da der Vertrag im Pariser Élysée-Palast unterzeichnet wurde, ist er als "Élysée-Vertrag" in die Zeitgeschichte eingegangen - und die Verpflichtung dieses einmaligen Schriftstücks bleibt.

55 Jahre sind seitdem vergangen: Wahrlich ein guter Grund, um zu feiern. Zugleich aber auch ein guter Grund, um zuversichtlich vorauszuschauen! Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron haben daher am Jahrestag der Unterzeichnung des "Élysée-Vertrages" gemeinsam betont, dass die Regierungen beider Nachbarländer "gemeinsam Verantwortung angesichts vielfältiger Herausforderungen in Europa und in der Welt" tragen und die Freundschaft Frankreichs und Deutschlands "ein Grundpfeiler der europäischen Integration" ist. Wahre Worte! Gleiches gilt für den Anspruch der gemeinsamen Resolution, die zum Jahrestag des "Élysée-Vertrages" von der französischen Nationalversammlung und vom Deutschen Bundestag mit breiter Mehrheit verabschiedet wurde: Die Parlamente beider Länder sollen in Zukunft noch enger als bisher zusammenarbeiten.

Das ist einer von vielen "Bausteinen" in dem schon bestehenden, vielfältigen "Puzzle" der deutsch-französischen Freundschaft. Am beeindruckendsten an diesem "Puzzle" ist aus meiner Sicht übrigens eine Zahl: 8,4 Millionen. Denn so viele junge Menschen aus Frankreich und aus Deutschland haben in den vergangenen 55 Jahren an rund 320.000 Begegnungen und Austauschprogrammen teilgenommen. Dazu haben hier bei uns im Rhein-Kreis Neuss natürlich auch die verschiedenen Städtepartnerschaften beigetragen. Ja, jede Stadt und jede Gemeinde unseres Kreises hat inzwischen eine französische Partnerstadt. Fest und freundschaftlich verbunden sind Châlons-en-Champagne und Neuss, Saint André und Dormagen, Saint-Chamond und Grevenbroich, Mouilleron le Captif und Rommerskirchen, Fouesnant und Meerbusch, Leers und Jüchen, Carbonne und Korschenbroich, La Madeleine und Kaarst... Klangvoll - und: Klasse!

Die Vielfalt der deutsch-französischen Beziehungen ist bemerkenswert. Und das ist in einem weiter zusammenwachsenden Europa auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung! Schon im "Élysée-Vertrag" ist im Jahr 1963 einleitend festgehalten worden, "dass die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern einen unerlässlichen Schritt auf dem Wege zu dem vereinigten Europa bedeutet". Dem damaligen Schritt sind inzwischen viele weitere gefolgt - und der gemeinsame deutsch-französische Weg geht weiter. Blicken wir abschließend noch einmal auf den Beginn dieses segensreichen Weges zurück. Bundeskanzler Konrad Adenauer hat anlässlich der Unterzeichnung des "Élysée-Vertrages" betont: "An einer wirklichen und dauernden Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich hängt die ganze europäische Zukunft." Das gilt nach wie vor!

Es grüßt Sie herzlich aus Berlin

Ihr Hermann Gröhe

Mitglied des Deutschen Bundestages

Bundesminister für Gesundheit

www.hermann-groehe.de

(Erschienen im Neusser "Stadt-Kurier" am 7. Februar 2017.)