Buchbeitrag zur Jahreslosung 2020

Die ökumenische Jahreslosung für das Jahr 2020, sicherlich einer der bekannteren Bibelverse, ist mir zugegebenermaßen besonders sympathisch. Diese enge Verbindung von Glaubensbekenntnis und Zweifel ist so ungemein menschlich und kommt mir gerade darin sehr nahe. Ausgesprochen – oder vielmehr ausgerufen – wird dieser Satz vom völlig verzweifelten Vater eines schwerkranken Kindes, dem niemand mehr zu helfen im Stande ist.

Dankbar räume ich ein, dass mir derartige Situationen tiefer Verzweiflung bisher erspart geblieben sind. Dennoch erahne ich als Vater von vier Kindern, wie groß die Verzweiflung des Vaters gewesen sein muss. Ich denke dabei auch an meine Besuche in Kinderhospizen und in den Palliativstationen von Kinderkliniken zurück, in denen Großartiges geleistet wird, um Kindern, aber auch ihren oft verzweifelten Angehörigen, bestmöglich beizustehen.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Durchaus vertraut ist mir aber auch diese Nähe von Glaubenshoffnung und Zweifel. Das Glaubensbekenntnis des verzweifelten Vaters kennt keine triumphalistische Glaubensgewissheit. Wie oft habe ich, nicht zuletzt in meinen Studentenzeiten, erlebt, dass kraftstrotzender Glaube, vielleicht auch nur vermeintlich kraftstrotzender Glaube, einige Jahre später der kompletten Abwendung vom Glauben gewichen ist. Wer Zweifel nicht zulässt, sie sich selbst nicht eingestehen kann, der droht schnell von ihnen überrollt zu werden, wenn Wünsche und Hoffnungen keine Erfüllung erfahren, Nackenschläge und Enttäuschungen das eigene Leben erschüttern.

Doch auch in seinem Zweifel ist dieser Vater ein Glaubensvorbild. Denn er sagt ja gerade nicht: „Ich glaube; nein, ich kann nicht glauben!“. So wie er seinen Glauben auf Gott, auf sein Gegenüber Jesus setzt, so wirft er auch seinen Unglauben auf ihn: hilf meinem Unglauben! Selbst in der größten Not und Anfechtung wird so etwas wie eine „Notration“ seines Glaubens aktiviert, die ihn seinen Unglauben mit dem Ruf nach Hilfe verbinden lässt.

Besonders intensiv habe ich diese Verbindung von Hoffnung und Zweifel beim Tod meiner Eltern erlebt – beim Tod der Menschen, deren Liebe ich so viel verdanke. Hoffnung, dass Gottes Liebe das letzte Wort über ihr Leben hat, sie bei ihm in einer mein Verstehen übersteigenden Weise aufgehoben sind. Gegen Zweifel, dass ein biochemischer Prozess, dass der Zerfall aller irdischen Existenz das letzte Wort hat. Größte Hoffnung und an die Existenz rührender Zweifel angesichts des letzten Feindes des Lebens.

In solchen Situationen brauche ich mehr als das Selbstgespräch, mehr als die Erinnerung an eigene Erfahrungen, von Gottvertrauen getragen worden zu sein, was mir meine Zweifel als „bloßes Gefühl“ zerreden wollen. Hier erfahre ich den besonderen Wert von Gemeinde! Bestärkt zu werden, gerade auch in Zeiten eigenen Haderns und Zweifelns, durch das Glaubenszeugnis anderer, aber auch durch den offenen Austausch über den Umgang mit eigenen Zweifeln. Verschwurbelte Unklarheit im Hinblick auf das, worauf wir hoffen dürfen, hilft mir dann ebenso wenig weiter, wie eine den Zweifel eher verstärkende, weil hohl wirkende triumphalistische Glaubensgewissheitspose! Beides habe ich schon zur Genüge erlebt.

Viele eindringliche, aber leise Glaubenszeugnisse werde ich dagegen nie vergessen. Ich denke etwa an mehrere Begegnungen mit Shahbaz Bhatti, einen christlichen Politiker aus Pakistan, der als erster Christ Minister seines Landes für Minderheiten wurde. Shahbaz Bhatti schilderte oft als Gottes Hilfe erlebte Bewahrungen, wusste aber auch um das mit seinem Dienst verbundene hohe Risiko. 2011 wurde er wegen seines Einsatzes für mehr religiöse Toleranz von einer islamistischen Splittergruppe ermordet. Doch genauso wichtig, weil dem eigenen Leben näher, ist es Menschen, auch im politischen Berlin, erleben zu können, deren Alltag auf unaufdringliche Weise durch ein belastbares, mitunter sicherlich auch in Belastungen geprüftes, Gottvertrauen geprägt ist.

Ja, darum brauchen wir Gemeinde. Als Raum, in dem Zweifel zu äußern nicht den Vorwurf der Glaubensschwäche auslöst. Als Raum, in dem wir lernen, eigene Glaubenserfahrungen in guter Weise zu formulieren, die anderen zur Stärkung werden können, deren eigenes Angefochtensein wir möglicherweise gar nicht kennen.

Es sind jede Menge Anregungen für gute Vorsätze in 2020, die diese ungemein menschliche Jahreslosung enthält.